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Saturday, July 30, 2016
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Die Eigenarbeit der Zisterzienser

Von der religiösen Askese zur wirtschaftlichen Effizienz

132 pages · 14.80 EUR (incl. VAT and Free shipping)
ISBN 3-89518-549-3 (March 2006)

 
 

Description

Diese rechtsökonomische Analyse befasst sich mit der Entwicklung des Zisterzienserordens im Hochmittelalter vor dem Hintergrund ihrer Ordensregeln. Die Zisterzienser versuchen, den Benediktinerorden zu reformieren. Sie wollen ein asketisches Leben führen und sich insbesondere von ihrer Hände Arbeit ernähren. Sie weigern sich, Pfründe, Fronarbeit und Abgaben wie z. B. den sogenannten Kirchenzehnt in Anspruch zu nehmen. Um ihre Klöster halten und entwickeln zu können, müssen sie Überschüsse erwirtschaften und vermarkten. Es gelingt ihnen, ihre landwirtschaftliche Produktion effizient zu organisieren und immer größere Überschüsse zu erzielen. Um sie zu vermarkten, entwickeln sie ihre eigenen Stadthöfe - klostereigene Handelsstationen - und bauen erfolgreich ihre eigenen Absatzwege in die Städte auf. Ihnen kommen sowohl Befreiungen von Zöllen und Abgaben zugute als auch Wettbewerbsvorteile, die aus der vertikalen Integration von Produktion und Absatz resultieren. Hinzu kommt die Reputation des Ordens, die ihnen die Verkaufsgeschäfte erleichtert. Die Zisterzienser verhalten sich ökonomisch expansiv. Die Ordensregeln enthalten Anreize für ein derartiges, expansives Verhalten. Die Vorschrift, wonach sie sich von ihrer Hände Arbeit ernähren sollen, verändert sich zu einer Effizienznorm, die in Konflikt mit der Vorschrift gerät, arm und asketisch zu leben. Hierunter leidet die Glaubwürdigkeit des Ordens: Die Zisterzienser werden als geldgierig kritisiert. Der Aufstieg der Zisterzienser im Hochmittelalter zeigt, dass neue ethische und moralische Grundsätze - die Eigenarbeit - eine bedeutende Rolle bei der Durchsetzung neuer ökonomischer Prinzipien spielen können.

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Wirtschaft und Gesellschaft, 33. Jg. (2007), Heft 3, S. 490-493 ()  [ to top ]

"... Grundsätzlich ist den Schlussfolgerungen Nagels zuzustimmen. Auf der einen Seite steht der individuelle Drang nach Einkommensmaximierung, auf der anderen Arbeit als Ausdruck persönlicher Askese sowie das Wohl des Ordens. Es kann bei einem Vergleich nur darum gehen, allfällige Parallelen herauszuarbeiten. ... Natürlich konnten die Mönche nicht auf die Resultate der wissenschaftlichen Revolution zurückgreifen. Nagel weist darauf hin, dass ihnen eine Pionierrolle in der Anwendung des zeitgenössischen technischen Fortschritts zukam. Hier kann man sogar eine gewisse Ähnlichkeit [mit den Kapitalisten] sehen. Und damit nähert man sich der eigentlichen Frage: Beeinflussen die Zisterzienser durch ihr quasikapitalistisches Verhalten den protokapitalistischen Entwicklungsprozess? Nagel scheint dies implizit zu bejahen, wenn er darauf hinweist, dass die Arbeitstechniken der Mönche auf die Agrarwirtschaft generell ausstrahlten. Zwar enthält die Arbeit keine empirischen Belege dafür, doch liegt dieser Schluss nahe. Weiters könnte man überlegen, ob der Absatzorganisation, den Verkaufshöfen, nicht Vorbildcharakter für den internationalen Handel im Mittelalter zukam. Jedenfalls fanden sich solche Verkaufsniederlasungen fast in allem größeren Städten.

Der Autor stellt mehrmals die Dynamik der Zisterzienser dem statischen Verhalten der Zünfte gegenüber. Auch diese Überlegung trifft grundsätzlich zu. Die Zünfte leisteten nur insofern einen Beitrag zum kapitalistischen Entwicklungsprozess, als sie selbstverwaltete Körperschaften repräsentierten, mit vielen individuellen Rechten. Die Träger des protokapitalistischen Fortschritts waren aber nicht sie, sondern der überregionale Handel. Hier entwickelte sich der Typ des Kapitalisten, also jener Person, welche die Produktionsfaktoren kombiniert, um Einkommensmaximierung zu erzielen, und zwar unter Einsatz des technisch-organisatorischen Fortschrtitts, mit wohldefinierten Eigentumsrechten agierend. Aus dieser Bevölkerungsgruppe entstanden, wenngleich mit wechselnden regionalen Schwerpunkten, die Unternehmer des Industriezeitalters. Schon Sombart hat diese Entwicklung herausgearbeitet - und daher den Ansatz Max Webers als unzutreffend abgelehnt. Daneben bleiben die Zisterzienser eine - interessante - Episode, die nichtsdestoweniger dem protoindustriellen Entwicklungsprozess wichtige Impulse vermittelte.

Ein äußerst verdienstvolles Buch, das die wirtschaftshistorische Diskussion belebt.



Utopie kreativ, März 2007, S. 281 ()  [ to top ]

Das vorliegende Buch verfolgt das Ziel, die Ursachen für den wirtschaftlichen Erfolg der Zisterzienser aufzuzeigen und zugleich deutlich zu machen, warum dieser Erfolg nicht von Dauer war. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen die Organisations- und Verhaltensregeln des Ordens sowie die Untersuchung des faktischen Verhaltens der Nonnen und Mönche im Verhältnis zu den normativen Vorgaben. Hier zeigt sich, daß die sehr strengen Verhaltensnormen (Armut, Keuschheit, Gehorsam) und die Kontrolle ihrer Einhaltung in Verbindung mit einer hohen Wertschätzung der Arbeit bewirkten, daß die 'Eigenarbeit' der Klosterinsassen für den wirtschaftlichen Erfolg des Ordens ausschlaggebend war.

Im Unterschied zu anderen geistlichen Orden waren die Zisterzienser vor allem eine 'Wirtschaftsgemeinschaft'. Sie standen damit in der Tradition der Benediktiner, setzten den Anspruch, von der eigenen Hände Arbeit zu leben und nur davon, jedoch konsequenter um. Ihre Klöster waren Wirtschaftshöfe, ihre Tätigkeit 'Arbeit' im eigentlichen Sinne. Ihr Hauptaugenmerk galt der effizienten Produktion landwirtschaftlicher und handwerklicher Erzeugnisse und deren durchorganisierter Vermarktung.

Dafür waren ihre Bauten eher schlicht. Für den ökonomischen Erfolg benötigten sie weder Kirchtürme noch schmuckvolle Fassaden. Auch farbige Kirchenfenster, Heiligenschreine, Skulpturen und stilvolle Ornamente fehlen typischerweise in den Zisterzienserklöstern. Ebenso reiche Kunstsammlungen und Bibliotheken. Im Leben der Zisterzienser dominierte die Askese, verstanden als Eigenarbeit. Dies bis zur Selbstausbeutung, wodurch Lebensqualität und Lebenserwartung gering waren.

Aber nicht nur das. Der wirtschaftliche Erfolg der Zisterzienser, ihr Streben nach Geld und Gewinn, bewirkten eine wirtschaftliche Expansion des Ordens. Ungezügelter Landerwerb, die Errichtung immer neuer Produktionsstätten und Handelshöfe sowie Geld und Kreditgeschäfte kennzeichneten zunehmend ihr Tun. Dies blieb nicht ohne Folgen. Die Produktivität erhöhte sich und damit der Reichtum der Klöster. Die Glaubwürdigkeit des Ordens litt jedoch. Auch kam es zu nicht unerheblichen Umweltschäden. Einige davon sind bis heute zu besichtigen. Zum Beispiel in der Lüneburger Heide, wo die Zisterzienser den Wald rodeten, um die Saline in Lüneburg mit Brennholz zu versorgen.

Trotzdem waren die Zisterzienser keine Kapitalisten. Bestenfalls deren 'Vorläufer', wie Bernhard Nagel feststellt. Der Unterschied betrifft neben der zeitlichen Einordnung auch das Verhältnis von Ziel und Mittel. Für die Zisterzienser als einem geistlichen Orden waren Wirtschaft, Umsatz, Geld usw. Mittel, um religiöse Ziele zu erreichen. Ihre Identität entwickelten sie "durch ihrer spirituelle Gemeinschaft und die Verinnerlichung ihrer Ordensnormen, die auch eine Richtschnur für ihre wirtschaftliche Tätigkeit abgaben und zum wirtschaftlichen Erfolg beitrugen" (S. 52).

Die Zisterzienser entwickelten ein »investives Denken, das sehr modern anmutet« (S. 74). Ihre konsequent geübte Askese in Verbindung mit der Eigenarbeit bedeutete die Vermeidung von Verschwendung bei gleichzeitiger Steigerung der Produktivität. Beides zusammen bildete die Voraussetzung für die Akkumulation von Reichtum, welche ohne die Hebelwirkung von Kredit und Zins jedoch nicht zu meistern war.

Reichtumsanhäufung, Kreditgeschäfte und Zinsnahme kollidierten jedoch mit dem Prinzip der Eigenarbeit und mit dem Armutsideal des Ordens. Ein Verstoß dagegen schadete der Reputation der Kirche und der Religion insgesamt und führte letztlich zur Untergrabung der Stellung der Klöster in der mittelalterlichen Gesellschaft. Aus diesem Widerspruch konnten sich die Zisterzienser nicht befreien. Ebenso wenig gelang es ihnen, sich auf die seit dem 14./15. Jahrhundert geltenden geldwirtschaftlichen Bedingungen der Produktion umzustellen. Ihre Produktionsgrundlage war und blieb die Landwirtschaft. Damit waren sie einer naturalwirtschaftlichen Logik verpflichtet.

Sie scheiterten mit ihrem Wirtschaftsmodell historisch genau in dem Moment, in dem der Kapitalismus auf den Plan trat. Im Buch wird dieser Prozeß recht anschaulich beschrieben. Die theoretische Begründung dafür bleibt jedoch schwach (S. 91 ff.). Hier wäre etwas mehr Politische Ökonomie und Wirtschaftsgeschichte am Platze gewesen.



Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.4.2006 ()  [ to top ]

"Die Metamorphose eines ursprünglich im Geiste des einfachen, abgeschiedenen Lebens gegründeten Ordens in ein kraftstrotzendes mönchisches Wirtschaftsimperium, das jedoch in sich den Keim seines eigenen Untergangs trug, ist Thema eines schmalen, aber spannenden Bands, den der Kasseler Rechtsprofessor Bernhard Nagel vorgelegt hat.

Als sich die Zisterzienser im frühen 12. Jahrhundert als eine Abspaltung des Benediktinerordens etablierten, suchten sie Distanz von den Verlockungen des weltlichen, nach Geld und Genüssen strebenden Lebens. Mit ihrer eigenen Hände Arbeit wollten sie ihr Dasein in strenger Zucht und Ordnung fern der Städte verbringen. ...

Die Zisterzienser legten Kräuter-, Gemüse- und Obstgärten an, bauten Getreide an und mahlten es, sie forsteten verödetes Ackerland auf, hegten den Wald, züchteten Pferde, Rinder, Schweine und Schafe und nutzten das Wasser für Fischteiche. "Sie wurden auch zu Pionieren des Bergbaus und der Verhüttung", schreibt Nagel. "Die Zisterzienser waren führend bei der Gewinnung und beim Sud von Salz." Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Orden erlangten sie durch ihre methodische Organisation des Klosterlebens und die Verwendung fortschrittlicher Technologien. Außerdem funktionierte damals, was neudeutsch Corporate Governance heißt: Die Tätigkeit eines Klosters unterlag der Aufsicht durch übergeordnete Klöster. ...

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung begann der Abstieg. Die Zisterzienser waren lange als Geschäftspartner geschätzt, weil sie als seriös, erdverbunden und bescheiden galten. Ökonomische Prosperität verbindet sich jedoch schlecht mit einer strengen, asketischen und weltabgewandten Lebensweise. 'Die Geschichte der Zisterzienser ist in weiten Teilen die Geschichte eines Normkonflikts', schreibt Nagel.

Der wirtschaftliche Erfolg ging mit einer Lockerung der Ordensdisziplin einher, die asketischen Grundsätze galten bald nicht mehr viel. Die Mönche gerieten in den Ruf der Habgier. Eine schwere Wirtschaftskrise im späten Mittelalter sowie mangelnde Erfolge in der Bekämpfung der Ketzer trugen zum Niedergang des Ordens bei.

Waren die Zisterzienser Vorboten des Kapitalismus? Die Antwort lautet ja, aber mit Einschränkung. In ihrer straffen Arbeitsorganisation, ihrem Effizienzdenken und in den Anfängen einer Kapitalbildung lassen sich Parallelen zwischen den 'asketischen Virtuosen' (Max Weber) und einem kapitalistischen Unternehmen erkennen. Andererseits verstanden sich die meist einsam lebenden 'weißen Mönche' primär als Kämpfer zur Verwirklichung ihrer Glaubensgrundsätze, ihre wirtschaftliche Tätigkeit war nur Teil dieses Kampfes. Nagel nennt die Zisterzienser 'kasernierte Vorboten' des Kapitalismus in der Anstalt eines Klosters, und das ist ein ebenso schönes wie zutreffendes Bild."




the author
Prof. Dr. Bernhard Nagel
Bernhard Nagel ist Direktor des Instituts für Wirtschaftsrecht am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Kassel. [more titles]
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