Andreas Langenohl
30 Seiten · 6,78 EUR
(November 2007)
Aus der Einleitung:
Dieses Buch führt Beträge aus der politischen Ökonomie, der empirischen Kapitalmarktforschung, der Sozialpsychologie, der Literaturwissenschaft und der Wirtschafts- und Organisationssoziologie zusammen. Das Band, das diese aus unterschiedlichen Disziplinen kommenden Beiträge eint, ist folgendes Argument: Die Operationsweise des Finanzmarktes ist nicht unabhängig von der Weise zu denken, in der sie dargestellt wird und sich selbst darstellt. Der Markt ist nicht die sinnfreie und für kognitiv-kulturelle Einflüsse vollkommen unempfindliche Zone, für die ihn die Sozialwissenschaften lange hielten. Es existiert so etwas wie eine Membran der Repräsentation zwischen den kumulativen Mechanismen des Marktes, ihren Ermöglichungsbedingungen und ihren Konsequenzen. Auf die Existenz dieser Membran gründet sich die Zuversicht, eine interdisziplinäre Diskussion führen zu können. In der Soziologie und politischen Ökonomie herrschte lange Zeit die Ansicht vor, dass sich der Markt – nicht nur der Finanzmarkt – dem entzieht, was sinnhaft dargestellt, symbolisch ausgedeutet und auf dieser Grundlage zur Gesellschaft in Beziehung gesetzt werden kann. Der Kern dieses Gedankens findet sich bereits bei Max Weber (1920 [1907]) und Karl Polanyi (1995 [1944]), die beide – wenn auch mit unterschiedlichem disziplinären Hintergrund – eine historische Entkopplung der kapitalistischen Tauschwirtschaft von den ursprünglich sie ermöglichenden sozialen und kulturellen Bedingungen diagnostiziert hatten. Hatte sich der Markt einmal, wie es bei Weber hieß, in einen „geschäftigen Utilitarismus“ verwandelt bzw., wie Polanyi sagte, in seinen Dynamiken aus seinen Kontextbedingungen „entbettet“, schien er immun gegen symbolische Deutung und soziale Institutionalisierung zu sein. Der Markt, so das Argument, setzte fortan die Grundlagen seiner eigenen Existenz kraft des entsozialisierten und entkulturierten Profitmechanismus. Am prägnantesten wurde die Selbstentwindung des Marktes aus seinen sozialen und kulturellen Bedingungen von Jürgen Habermas (1995) theoretisiert. Sein Gesellschaftsmodell kennt neben der durch sinnhafte Kommunikationsakte integrierten Lebenswelt auch die systemischen Bereiche der politischen Administration und der (Markt-)Wirtschaft. In Abgrenzung zu Luhmanns Begriff der subsystemischen Semantik geht Habermas davon aus, dass Interaktion und Kommunikation auf Märkten durch die normfreie Verschränkung von Handlungsfolgen gekennzeichnet sind. Am Markt zu handeln symbolisiert somit nichts mehr, zumindest nicht in einem symbolischnormativen Sinn: Akteure orientieren sich nicht an Vermutungen über die Intentionen und Motive der anderen, sondern starren gebannt auf die sich aufkumulierenden Handlungsfolgen – etwa in Gestalt der Börsenkurse – die die Motivstruktur der Entscheidungen, die ihnen zugrunde lagen, verhüllen. Dieses Argument, das auf die Dichotomie von Sozial- und Systemintegration zurückgeht, bewies seinen Einfluss nicht zuletzt dadurch, dass es Zeitdiagnosen unterlegt wurde, welche das Auseinandertreten marktförmiger und nicht-marktförmiger Vergesellschaftungsweisen ausmachen. So kommt Helmut Dubiel auf der Grundlage jener Dichotomie zu der Diagnose, „daß die sozialmoralischen Polster, auf die sich eine kapitalistische Modernisierung hatte stützen können, Zeichen von Erschöpfung zeigen.“
Dieses Paradigma einer Marktsphäre, die der Sphäre symbolischer (verstanden als normativer) Kommunikation und Integration entgegen gesetzt ist und sich damit ihrer sozialen und kulturellen Rahmungen entwindet, spielt subkutan noch bis in die verhaltenspsychologische Finanzmarktforschung (behavioral finance) hinein. Im Begriff des „Herdenverhaltens“ an der Börse, welches dieser Ansatz auf die durch Unsicherheit bedingte Nachahmung von als erfolgreich wahrgenommenen Anlageentscheidungen zurückführt, klingt die von George Herbert Mead konturierte Unterscheidung zwischen Signal- und Symbolkommunikation nach: während im kommunikativen Alltag symbolische Kommunikation auf der Grundlage der allgemeinen, konventionellen (und damit durch Normen bewehrten) Bedeutungsgeltung von Symbolen stattfindet, orientieren sich Marktteilnehmer an den Verhaltenssignalen Anderer, welche nicht symbolisch entziffert werden (können), da sie nicht als Symbole entworfen sind. Der (Finanz-)Markt, so kann man dieses die Soziologie und Psychologie längere Zeit dominierende Paradigma zusammenfassen, gilt als das Andere des Symbolischen. Dieser unausgesprochene sozialwissenschaftliche Konsens wird nun in jüngerer Zeit auf multidisziplinärer Ebene herausgefordert. In der Organisationssoziologie, zumal der neo-institutionalistisch orientierten, geraten Finanzmärkte unter dem Aspekt ihrer Institutionalisierung in normative und kognitiv-kulturelle, gesellschaftliche Sinngefüge in den Blick. Die Wirtschaftssoziologie, die nach wie vor unter dem prägenden Eindruck der Arbeiten Mark Granovetters (1985) zur sozialen Einbettung von Märkten steht, zieht zunehmend Sinngebungsprozesse und symbolisches Kapital als Konstituenten von Finanzmärkten in Betracht. ...