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Tuesday, November 21, 2017
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Ethische Probleme in den Geschichtswissenschaften
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Ethische Probleme in den Geschichtswissenschaften

17 pages · 3.30 EUR
(October 2006)

 
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Aus der Einleitung des Herausgebers:

Der Kasseler Historiker Hans-Joachim Bieber nimmt in seinem Beitrag 'Ethische Probleme in den Geschichtswissenschaften' im Kontext dieser Disziplin einige Fragen auf, die zuvor Ulrike Beisiegel am Beispiel der Biowissenschaften erörtert hat. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Verstöße gegen die 'gute wissenschaftliche Praxis' in der Geschichtswissenschaft – also die Nichtbeachtung handwerklicher Regeln guter Wissenschaft – eine nur vergleichsweise geringe Rolle spielten. Zentrales Material des Historikers sind die 'Quellen', die natürlich genau so wenig gefälscht werden dürfen wie etwa naturwissenschaftliche Laborergebnisse; darüber hinaus gilt hier aber das Gebot, sich für die jeweils zu untersuchende Fragestellung eine möglichst vollständige Quellengrundlage zu verschaffen und die Quellen so vollständig wie möglich auszuwerten; diese Forderung stößt allerdings naturgemäß rasch an Kapazitäts- und Finanzierungsgrenzen und verweist damit auf das Konfliktfeld zwischen wissenschaftsethisch-handwerklichen Ansprüchen und realen Handlungsmöglichkeiten.

Jenseits dieser praktischen Konfliktlage, die sich keineswegs nur im Bereich der Geschichtswissenschaften, sondern praktisch in allen Disziplinen, nicht zuletzt in der Drittmittelforschung zeigt, gibt es natürlich ein individualethisches Problem, das aber auch wieder im Kontext ökonomischer Karrieremuster gesehen werden muss, die fatale Neigung nämlich, rasch zu eindeutigen Ergebnissen zu kommen, und zwar nicht nur durch die ohnehin schon problematische Begrenzung in der Untersuchungsgrundlage (z.B. Beschränkung auf leicht erreichbare Archivbestände in den Geschichtswissenschaften), sondern auch durch bewusste Unterdrückung oder auch Uminterpretation von Befunden, die den eigenen Hypothesen entgegenstehen. Charakteristisch für diese Problemlage ist in den Geschichtswissenschaften insbesondere das mit dem Vetorecht der Quellen einhergehende Verbot, einer Hypothese widersprechende Quellen einfach zu unterschlagen oder unbegründet abzuwerten („Vetorecht der Quellen“). Öffentlich aufgestellte Hypothesen müssen also so umfassend wie möglich durch Quellen gestützt sein. Hier gibt es in der Forschungspraxis der Historiker, wie Bieber zugibt, zwar durchaus Probleme und gelegentliche Missgriffe (etwa im Zusammenhang mit verschiedenen Arbeiten zur Täterschaft beim Reichstagsbrand 1933); solche Verstöße gegen den Umgang mit den Quellen lassen sich jedoch meist leicht nachweisen, führen zum Reputationsverlust der beteiligten Historiker(innen) und werden daher in aller Regel erst gar nicht versucht.

Jenseits 'guter wissenschaftlicher Praxis' im Sinne der DFG-Vorschläge findet Bieber strukturelle Probleme aber in der einseitigen Fokussierung handwerklich durchaus korrekter Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft auf 'nationale Geschichte' und die Präsentation 'großer Männer', die oft mit einem Desinteresse für soziale Verhältnisse verbunden war, nicht selten auch verknüpft mit einer zumindest impliziten Verachtung der Demokratie und mit der impliziten oder expliziten Verbreitung von Feindbildern. Dass derartige Fokussierungen und Engführungen nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Nationen am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorherrschend waren, musste das Problem ja noch weiter verschärfen, und es erscheint daher durchaus plausibel, wenn Bieber der Geschichtswissenschaft einen wesentlichen Anteil an der geistigen Vorbereitung des 1. Weltkriegs, an der dann unzureichenden Verarbeitung dieser 'Elementarkatastrophe' und damit auch zumindest indirekt am Aufstieg des Nationalsozialismus zuschreibt. Dass hierbei die 'gute wissenschaftliche Praxis' im engeren Sinne meist gar nicht tangiert war, weist darauf hin, dass einseitige und verengte Perspektiven, die als partielle Ansätze durchaus hilfreich sein können, durch ihre Verabsolutierung zu äußerst gefährlichen, ja destruktiven Konsequenzen führen können. Auch die damit einher gehende Isolierung von „Außenseitern“ in der Geschichtswissenschaft, die sich solchen nationalistischen Engführungen entgegenstellten, wäre damals wie heute im Rahmen der „Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ nur sehr schwer zu bekämpfen (gewesen).


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Prof. Dr. Hans-Joachim Bieber

em. Prof. für Jüngere Geschichte an der Universität Kassel, Akad. Direktor am Wiss. Zentrum für Kulturforschung der Universität Kassel.

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