Martin Held, Gisela Kubon-Gilke, Richard Sturn (Hg.)
"Jahrbuch Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik" · Band 1
363 Seiten · 24,80 EUR (inklusive MwSt. und Versand)
ISBN 3-89518-373-3
(Februar 2002)
Beschreibung
Gerechtigkeit und Effizienz werden in der Ökonomik vielfach als ein Verhältnis der Abwägung verstanden: Um gerechtere soziale Zustände herbeizuführen, so lautet eine kaum je in Frage gestellte Basisvermutung, müssen wir Einbußen an Effizienz hinnehmen. Eine Umverteilung im Sinne von Gerechtigkeit ist folglich a priori mit dem Makel behaftet, »effizienzstörend« oder »effizienzschädlich« zu sein. Auch die aktuelle politische Diskussion um Sozialstaatsabbau in den westlichen Demokratien wird von dieser Grundthese der Effizienzschädlichkeit von Umverteilung beherrscht.
Diese Sicht auf das Verhältnis von Effizienz und Gerechtigkeit ist weniger selbstverständlich, als vielfach unterstellt wird. In der modernen Ökonomik stellen sich die entscheidenden Fragen bezüglich des Ineinanderwirkens und der wechselseitigen Bedingung von individueller Tugend, Gerechtigkeit und Effizienz wie auch der Spannungszonen zwischen ihnen. Ausgehend von der Diskussion dieser Fragen will das Buch Antwort auf die Existenzfragen der Moderne überhaupt geben: Wieviel und welche Gerechtigkeit - das heißt auch: wieviel und welche Rückbindung an außermarktliche menschliche Ziele - braucht die Marktwirtschaft? Wieviel und welche Gerechtigkeit verträgt sie?
Das Jahrbuch Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik ist ein interdisziplinäres Jahrbuch, dessen Fokus vor allem die normativen Fundamente der Ökonomik und ihre institutionellen Voraussetzungen bildet. Obwohl seine Ausrichtung nicht ausgesprochen wirtschaftspolitisch ist, gehören die praktisch-politischen Implikationen einer kritischen Reflexion solcher Grundlagenfragen zu den immer wiederkehrenden inhaltlichen Anliegen ebenso wie methodologische Abklärungen. Jede Ausgabe ist einem thematischen Schwerpunkt gewidmet, der von den Herausgebern unter Berücksichtigung der Empfehlungen des Herausgeber-Beirats ausgewählt wird und der Thematik der jährlichen Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing in der gleichnamigen Reihe entspricht. Eine große Bandbreite und Vielfalt von Ansätzen und Zugängen zum jeweiligen thematischen Schwerpunkt sind Programm. Das Jahrbuch wendet sich ebenso an Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftler der Ökonomik und benachbarter Disziplinen wie an thematisch allgemein Interessierte. Vorschläge von Leserinnen/Leser für Themenschwerpunkte und spezifische Beiträge sind willkommen.
Herausgeber-Beirat: Prof. Dr. Hans Albert, Heidelberg - Prof. Dr. Adelheid Biesecker, Bremen - Prof. Dr. Mathias Erlei, Clausthal-Zellerfeld - Prof. Dr. Simon Gächter, St. Gallen - Prof. Dr. Franz Haslinger, Hannover - Prof. Dr. Ernst Helmstädter, Münster/Gelsenkirchen - Prof. Dr. Hans G. Nutzinger, Kassel/Erfurt - Prof. Dr. Notburga Ott, Bochum - Prof. Dr. Fabienne Peter, Basel - Dr. Lucia Reisch, Stuttgart - Prof. Dr. Kurt W. Rothschild, Wien - Prof. Dr. Ekkehart Schlicht, München - Dr. Irmi Seidl, Zürich - Prof. Dr. Peter Weise, Kassel - Prof. Dr. Hans Peter Widmaier, Herrliberg/ Zürich - Prof. Dr. Ulrich Witt, Jena
Erscheinungsweise: Das Jahrbuch erscheint einmal jährlich jeweils im Februar/März.
Redaktion: Dr. Martin Held, Evangelische Akademie Tutzing, Schloss-Straße 2+4, D-82327 Tutzing (Telefon 08158/251-(0)-126) - held@ev-akademie-tutzing.de
dem Verlag bekannte Rezensionen (Auszüge)
Insgesamt zeigt sich nach der Lektüre des Bandes, daß Gerechtigkeit als Voraussetzung für wirtschaftliche Effizienz keineswegs ein Ausnahmefall ist. Für entwickelte (und reiche) Volkswirtschaften läßt sich ein solcher Zusammenhang vielmehr systematisch nachweisen. Dies ist bemerkenswert, denn damit deuten sich sowohl 'für die Theoriebildung als auch für das normative Koordinatensystem der praktischen Politik ... Akzentverschiebungen mit bedeutender Tragweite an'."
"... Dieser speziellen Unvereinbarkeitshypothese widmet sich das vorliegende Jahrbuch, mit dem Anspruch, sie zu widerlegen und nachzuweisen, die Verfolgung von Gerechtigkeit als eigenständiges soziales Ziel sei gar die Voraussetzung für effizientes Wirtschaften und nicht dessen Hemmschuh. Das weit verbreitete Urteil über diesen Trade-off, so stellen die Herausgeber im einleitenden Beitrag fest, werde von der Ökonomie noch verstärkt, die sich seit dem 19. Jahrhundert stark formalisiert und die als eher moralphilosophisch empfundenen Distributionsfragen weitgehend ausgeklammert habe: Sie suggeriere einen klaren und positiven Effizienzbegriff, aber eher einen diffusen und problematischen der Gerechtigkeit. Die mikroökonomische Theorie wird von der Vorstellung geleitet, Effizienz sei im Gegensatz zur Gerechtigkeit eine eher technische und 'ethisch sparsame', also aus wenigen Wertannahmen gespeiste Norm, die sich auf einem funktionsfähigen Markt von allein einstelle, während die Gerechtigkeit wertbeladen und nicht eindeutig zu bestimmen sei. Attraktive Effizienz, problematische Gerechtigkeit also? Gerade diese Dualität vordergründig unterschiedlicher ethischer Kategorien wirft die methodische Schwierigkeit auf, denen die Verfasser nachgehen: Sie versuchen nachzuweisen, dass sowohl bei der Gerechtigkeit als auch bei der Effizienz von normativen Konzepten gesprochen werden muss, dass auch bei letzterer die unterstellte Sparsamkeit in den Wertannahmen nicht den Tatsachen entspricht.
... Trotz einiger thematischer Überlappungen sind die Beiträge in ihrer Reihenfolge weitgehend konsistent und in ihrer ausgewogenen Fülle von schematischer Darstellung von Bekanntem und gut verständlicher Aufbereitung von Neuerem insgesamt so gut lesbar und ansprechend, dass dieses Buch als anregender Wortgeber in den - aktuellen wie grundsätzlichen - Diskussionen dienen kann, die sich um die fundamentalen Begriffe der Effizienz und der Gerechtigkeit ranken."