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Sunday, October 22, 2017
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Güter und Werte sind Interpretation: Sprache und Ökonomie
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Güter und Werte sind Interpretation: Sprache und Ökonomie

31 pages · 6.51 EUR
(April 2008)

 
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Aus der Einleitung:

In der Wirtschaft wird entschieden mehr kommuniziert, als die ökonomische Theorie wahrnimmt. Allein die Frage „was kostet es?“ überlässt der Antwort die Entscheidung, ob man sich überhaupt auf eine Transaktion einlässt. Und die Frage „was ist es wert?“ fordert Antwortressourcen erheblichen Umfanges: Denn jetzt beginnen die Interpretationen, die die Ökonomie – als der Philosophie eigen – methodisch weit von sich weist. Was gilt? Wie viel? Mit welchem Risiko? Soll ich? Soll ich nicht? – Alles Interpretationen. Und vor allem: alles Interpretationen, die man mit Anderen bespricht, deren Ergebnisse er-kommuniziert werden. Ökonomie ist in einem Ausmaß Kommunikation – was erstaunen lässt, wie wenig die Ökonomik diesen Umstand analysiert.

Akteure entscheiden aufgrund ihrer individuellen Weltsicht, die sprachlich gelernt wurde. Die Rational-Choice-Topik ist eine reduzierte Methode, die voraussetzt, dass alle Bedeutungen geklärt sind: ein in modernen Gesellschaften eher unwahrscheinlicher Zustand, und nicht nur wegen der Reflexivität der Moderne, sondern auch wegen der innovatorischen Struktur von Märkten.

‚Akteure entscheiden aufgrund ihrer individuellen Weltsicht, die sprachlich gelernt wurde‘ – Änderungen dieser Weltsicht erfolgen wieder sprachlich: by communication (vgl. Bohnet 1998). Die laufenden Kommunikationen sind bedeutsamer für ökonomische Entscheidungen, als die ökonomische Theorie es registriert (z.B. dass die Trinkgelder für Servicekräfte sich systematisch verdoppeln, wenn der Kellner am Tisch die Bestellung wortwörtlich wiederholt. Die Gäste fühlen sich verstanden, die Wiederholung ist ein Akt der Intimität als Einverständnis, der besonderen Beziehung. Diese wird dann später belohnt. Communication matters – auch bereits auf einfachstem Level; s. generell hierzu Baecker 2005).

Die Akteure entscheiden über Entscheidungen, und zwar konkret: Je nachdem, welche Sprache die Akteure sprechen, haben sie unterschiedliche Semantikzuschreibungen für die Welt, d.h. sie interpretieren sie unterschiedlich. Indem sie sie unterschiedlich interpretieren, entscheiden sie letztlich auch unterschiedlich. Man muss zugeben, dass das für eine ökonomische Theorie von erheblicher Relevanz sein kann. Entscheidungen sind frame-related.

Kommuniziert man darüber, müssen sich die ökonomischen Individuen in ihren soziologischen Welten rechtfertigen, z.B. gegen Einsprüche von Freunden und Bekannten, dass man das nicht kaufen kann, dass jenes ‚beschissen‘ aussähe, dass das zu einem nicht passe etc. Nun beginnen andere Berechnungen, als die von Präferenz/Preisen: Kann ich mir den Kauf von x reputativ erlauben? Sind die Kosten der Kritik nicht zu hoch? Verderbe ich es mir mit meinen Freunden? Etc. Die Idee der Ökonomen, dass es ausreiche, Preisvergleiche anzustellen, ist bereits schon deshalb zu kurz gegriffen, weil der Preis nur die Bedeutungszuschreibungen aller Anderen aussagt. Dagegen kann man seine eigene Bedeutungssetzung anführen: kontrafaktisch und definitiv. Erst wenn das eigne Präferenzprofil im Freundes- und Bekanntenkreis hoch kontrovers diskutiert wird, beginnt man, seine Präferenzen zu revidieren und sich anzupassen, weil z.B. die social costs der Individualität zu hoch werden.

Die kommunikativen An- und Einpassungen laufen über Sprache, d.h. über Bedeutungsverweisungen in den belief systems. Ökonomie, als Kommunikation interpretiert, verweist auf das Verhältnis von Sprache und Ökonomie. Wenn wir das thematisieren, gerät die Sprache, die in der Ökonomie eigentlich als Gratismedium fungiert, zu einem Kostenargument: Je nachdem, wie wir über Ökonomie sprechen, entscheiden wir anders, vollziehen wir andere Transaktionen, ändert sich die aktuelle Auslegung des ökonomischen Systems.

Die Sprache, die wir verwenden: z.B. die Sprache Ö der Ökonomen, oder eine beliebige Alltagssprache A, beschreibt jeweils andere Sachverhalte.

Sprachen transportieren unser Denken. Also ist es bedeutsam, wie wir sprechen, um welche Handlungen (wie rational) auszuführen. Die verwendete Sprache offenbart die Semantik der verwendeten Weltbilder. Wie wir über die Welt reden, interpretieren wir sie.


quotable essay from ...
Ökonomie, Sprache, Kommunikation
Alihan Kabalak, Birger P. Priddat, Elena Smirnova (Hg.):
Ökonomie, Sprache, Kommunikation
the author
Prof. Dr. Birger Priddat
Birger Priddat

Lehrstuhl für Politische Ökonomie, Universität Witten-Herdecke.

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