Elmar Altvater
13 Seiten · 3,85 EUR
(September 2006)
Aus der Einleitung:
Kapitalismuskritik kann es erst geben, wenn die gesellschaftliche Formation als Kapitalismus identifiziert worden ist. Dies ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Wie Fernand Braudel bemerkt, taucht der Begriff des Kapitalismus erstmals im 18. Jahrhundert auf, also mehrere Jahrhunderte nachdem die „ursprüngliche Akkumulation des Kapitals“ eingesetzt hat. Auch die klassischen politischen Ökonomen, David Hume, Adam Smith oder David Ricardo, verwenden den Begriff nicht und auch im „Kapital“ von Marx findet man ihn nur ein einziges Mal. „Das Kapital“ von Marx trägt folglich nicht den Untertitel „Kritik des Kapitalismus“ sondern „Kritik der Politischen Ökonomie“. Diese versteht sich als Kritik der Denkformen und mithin der Theorien und zugleich als Kritik der bürgerlichen Gesellschaft, in der die Politische Ökonomie mehr und mehr die Rolle einer Art Leitwissenschaft annimmt. Der Kapitalismusbegriff wird erst seit Werner Sombarts epochalen sechs Bänden über den „modernen Kapitalismus“ im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts breit verwendet. Er setzt sich durch, weil inzwischen die kapitalistische Gesellschaft bis zur Kenntlichkeit hervorgetreten ist. Er bekommt sogleich eine kritische Note, weil inzwischen eine Arbeiterbewegung existiert, die die Kritik der Politischen Ökonomie, in Deutschland von Eduard Bernstein, Karl Kautsky, Rudolf Hilferding, Rosa Luxemburg und anderen fortentwickelt, als Waffe in der praktischen Kritik des Kapitalismus, also in den Klassenauseinandersetzungen verwendet. Von Antonio Gramsci wird der Marxismus als eine „Philosophie der Praxis“ gelesen – teilweise aus Gründen der Camouflage im faschistischen Gefängnis.