Anke Zühlsdorf / Achim Spiller
30 Seiten · 6,17 EUR
(September 2006)
Aus der Einleitung:
Das OSSENA-Projekt zielt auf die gesellschaftliche Etablierung einer nachhaltigen Ernährungskultur. In forschungsprogrammatischer Hinsicht ist neben der aktionsorientierten Ausrichtung die kulturwissenschaftliche Perspektive für das Projekt kennzeichnend, die sowohl die Nachfrage- als auch die Angebotsseite in die Analyse einbezieht. Während auf Konsumebene die Untersuchung einer nachhaltig orientierten Ernährungspraxis im Mittelpunkt der Forschungsarbeit steht, fokussiert die Betrachtung der Angebotsseite die kulturelle Verfasstheit der Nahrungsmittelherstellung.
Der vorliegende Beitrag stellt auf die veränderten kulturellen Bedingungsfaktoren landwirtschaftlicher Produktion ab und thematisiert insbesondere das Zusammenspiel von Angebots- und Nachfrageseite. Durch die Entwicklung des Agribusiness und der Landwirtschaftspolitik in den letzten Jahrzehnten hat sich die landwirtschaftliche Erzeugung zunehmend von der Lebenswelt der meisten Menschen abgekoppelt. Der Anteil der Bevölkerung im ländlichen Raum sinkt, und auch in den ländlich strukturierten Räumen nimmt die Landwirtschaft aufgrund des sektoralen Strukturwandels nur noch einen marginalen Raum ein. Rund 2,4 % der Arbeitskräfte sind im Jahr 2000 in Deutschland in der Landwirtschaft beschäftigt, 1950 waren es noch 23,9 %.2 Aber nicht nur die die gesellschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft ist geringer geworden. Auch der Beschaffungs- und Verwendungskontext für landwirtschaftliche Produkte auf der Nachfrageseite hat sich gewandelt, so dass mittlerweile erhebliche Brüche zwischen der Landwirtschaft und dem Endverbraucher zu verzeichnen sind. Verbraucher sehen sich heute einem globalen und ausdifferenzierten Produkt- und Markenangebot gegenüber, gleichzeitig sinkt die verfügbare Zeit für die Zubereitung der Lebensmittel. Produktionsbezogene Warenkenntnisse, d. h. Wissen über den Ablauf landwirtschaftlicher Produktionsverfahren, werden zunehmend geringer. Hinzu kommt der Wandel der Agrarpolitik, die aufgrund des hohen Produktivitätsfortschritts in den Industrieländern von der Mangelbekämpfung der Nachkriegszeit zunächst zur Subventionierung von Überschussproduktion und in den letzten 15 Jahren zum abgefederten Strukturwandel („Wachsen oder Weichen“) übergegangen ist. Im Ergebnis ist eine Erzeugerkultur entstanden, die stark durch produktions- und subventionsorientierte Einstellungen und Verhaltensmuster geprägt ist. Diese Binnenorientierung der Branche verstärkt die Distanz zwischen Erzeugern und Verbrauchern wiederum.