Beschreibung
Die Physiokratie stellt einen eigenständigen Theoriekorpus dar, der die aristotelisch geprägte Tradition ökonomischen Denkens in Europa transformiert. Als ein solcher Zwitter war sie angreifbar. Aber sie öffnet den Diskurs über die Ökonomie als ein System, mit eigener Logik und Mechanik. Sie markiert den Beginn der Ökonomie als Wissenschaft, wenn auch mit Argumenten älterer Bauart. Das vorliegende Buch will dem auf verschiedene Weise auf die Spur kommen.
Es wird gezeigt, welche Häutungen die Ökonomie als neue Wissenschaft vollziehen musste, um ihrer alten, sie im Grunde erst noch prägenden Vorstellungswelt der abendländischen Ökonomik zu entrinnen. Die Entwicklung neuer Theorien geht einher mit der Dekonstruktion der alten.
Die Physiokratie bleibt ein misslungenes Experiment des 18. Jahrhunderts. Doch hat ihr Misslingen der Ökonomie entscheidende Impulse gegeben: als allgemeine Theorie aufzutreten und als systematisches Konzept der Reproduktion aller ihrer Glieder. Sie stand Modell für die Ökonomie als Modell.
Inhalt
- Die Physiokratie: Ein ökonomisches Konzept zwischen Antike und Moderne
- Produktion und Natur: Frühe ökonomische Standards. Metaphysische Gründe der Physiokratie
- »Wohldurchdachte Tafel der Prinzipien der politischen Ökonomie«
Übersetzung der »Table raisonnée des principes de léconomie
politique« des Pierre-Samuel Du Pont de Nemours (1775)
- Die Änderung der physiokratischen Konzeption 1775
Karl Friedrichs von Baden-Durlach »Abrégé« und Pierre-Samuel
Du Ponts de Nemours »Table raisonnée«
- Ist das laisser-faire-Prinzip ein Prinzip des Nicht-Handelns?
Über einen chinesischen Einfluß in Quesnays »Despotisme de la Chine«
auf das physiokratische Denken
- Gesetzhaftigkeit des Wohlergehens:
Physiokratische Ökonomie in Deutschland
- Reichtum oder Tugend ?
Simonde de Sismondi als aristotelischer Physiokrat
- Werner Sombarts late economic thinking: back to physiocracy?
- Literatur
- Textnachweise
dem Verlag bekannte Rezensionen (Auszüge)
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2002, (Benedikt Koehler)
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"Priddat schickt seiner Darstellung eine Übersetzung grundlegender Texte aus der Feder von Dupont de Nemours voraus und illustriert anhand ausgewählter Bespiele ihre ideengeschichtliche Rezeption. Dazu gehören Quesnays Auseinandersetzung mit der chinesischen Staatsphilosophie sowie
die Ausstrahlung der Physiokraten auf zeitgenössische und spätere Ökonomen wie Schlettwein, Sismondi und Sombart. Man wüßte als Leser allerdings gern, nach welchen Kriterien Priddat gerade diese Beispiele ausgewählt hat, während er andere rezeptionsgeschichtlich wichtige Bezüge nur beiläufig streift. Adam Smith bespielsweise hat führende Physiokraten persönlich gekannt und viele ihrer Anregungen verarbeitet. Karl Marx berief sich auf die Vorläuferschaft der Physiokraten in der Fragestellung, wo im Wirtschaftskreislauf eigentlich Werte entstehen. Smith wie Marx waren den Physiokraten verpflichtet, ohne selbst Anhänger dieser Schule zu werden.
So wie mit Smith und Marx ergeht es den Physiokraten bis heute: Viele ihrer Fragen und Anliegen sind aktuell, aber ihr eigenes System war bald obsolet und ist kaum noch geläufig. Insofern verschafft Priddat Abhilfe. Doch seine Beschränkung auf die Ideengeschichte wird dem Gegenstand nicht ganz gerecht. Die bleibende Bedeutung der Physiokraten liegt weniger in ihrem schon bald überholten theoretischen Gehalt. Viel innovativer war der Drang der Physiokraten nach praktischer Wirkung. ... Da die Physiokraten den Mut besaßen, ihre Theorie auf die Praxis anzuwenden, waren sie ein Leitbild für nachfolgende Generationen von Ökonomen." ...