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Saturday, November 18, 2017
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Perspektiven einer rationalen ökonomischen Rekonstruktion sozialer Interaktionen als Basis des Sozialkapitalkonzeptes
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Perspektiven einer rationalen ökonomischen Rekonstruktion sozialer Interaktionen als Basis des Sozialkapitalkonzeptes

31 pages · 5.96 EUR
(January 2008)

 
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Aus der Einleitung:

Das Modellindividuum der Ökonomie, der „homo oeconomicus“, steht wegen seiner Konstruktion auf der Basis weniger Voraussetzungen und steuernder Parameter oft als verzerrtes, zu einfaches Menschenbild in der Kritik. Es hat daher vielfältige Weiterentwicklungen und Anpassungen durch die Übertragung von Erkenntnissen aus den anderen Sozialwissenschaften, der Psychologie und Verhaltensforschung gegeben. Bis heute stößt man aber trotzdem, z.B. bei der Frage, warum ökonomische Modellindividuen überhaupt sozial interagieren sollten, auf überraschende Erklärungsprobleme. So handelt der „homo oeconomicus“ gemäß seiner Definition rational, egoistisch und nutzenmaximierend, folglich wird er aber nicht in etwas investieren, dessen Ergebnis nicht voraussagbar bzw. dessen Gegenleistung unsicher ist und deshalb nicht einer rationalen Abwägung unterzogen werden kann. Aufgrund besonderer Eigenschaften sozialer Interaktionen ergibt sich dann das für die folgenden Überlegungen zentrale Dilemma der Rationalität der Investition in soziale Interaktionen. Klassische Güter (Marktgüter) werden in zwei Schritten erworben. Zuerst werden verschiedene alternative Zielgüter zur Befriedigung der Bedürfnisse einer Prüfung auf ihren Zielerfüllungsgrad unterzogen. Trotz der Probleme der asymmetrisch verteilten und verborgenen Informationen und von verborgenen Interessen (Theorie der unvollständigen Verträge, Prinzipal-Agent-Theorie) zwischen Interessent und Anbieter gibt es eine Chance auf Bewertung des Gutes bzw. seiner Eigenschaften. Aufgrund dieser Bewertung werden dann die Eigentum- bzw. Nutzungsrechte (Property Rights) am Gut in einer Transaktion erworben. Bei sozialen Interaktionen besteht jedoch gar nicht die Möglichkeit, etwas vorher zu prüfen, da diese erst durch beiderseitige Aktivitäten entsteht. Somit besteht ein erhebliches Risiko für die Investition. Man erwirbt keine Eigentumoder Nutzungsrechte, sondern tätigt seine Investition, ist aber hinsichtlich der Frage ob und wenn ja, was für eine Gegenleistung man erhält, vollständig dem Interaktionspartner ausgeliefert. Das klassische ökonomische Individuum dürfte dieser Überlegung zufolge kaum soziale Interaktionen beginnen. Da aber auch der Tausch und somit die grundlegendste ökonomische Handlung hierunter fällt, ergeben sich ernsthafte Erklärungsprobleme. Die Zuhilfenahme gesellschaftlicher Regeln und Normen oder der Erfahrung eines Individuum führt in unserem Kontext auch nicht weiter, weil dabei das Modell komplexe soziale Phänomene als Voraussetzung benötigt, die eigentlich erst als Ergebnis sozialer Interaktionen modelliert und erklärt werden sollten. Auch die Konzepte des sozialen Kapitals haben diese Situation nicht entscheidend verbessert. Wenn das individuelle soziale Netz so gedeutet wird, dass es der leichteren Erlangung von Gütern oder der besseren Befriedigung von Bedürfnissen dient, stellt sich die Frage, warum das Modellindividuum in den Aufbau des sozialen Netzes investieren soll, wenn es gar nicht weiß, ob es (1.) gelingen wird, das andere Individuum seinem sozialen Netz hinzuzufügen und (2.) welche Güter später darüber in welcher Weise besser bzw. günstiger beschaffbar sind. Auch hier bleiben die Unsicherheiten des „Returns“ ein elementarer Hemmschuh für ein Modellindividuum, einen Startbeitrag zu erbringen und Ressourcen bzw. Zeit in soziale Interaktionen zu investieren.

Die von Becker maßgeblich mitentwickelte „erweiterte Kapitaltheorie“, die den ökonomischen Erklärungsraum vom Markt auf soziale Fragen erweitert hat, steht in diesem Artikel aus zweierlei Gründen im Mittelpunkt. Einerseits hat Becker der Ökonomie mit der am Rational-Choice orientierten erweiterten Kapitaltheorie Erklärungsspielräume im sozialen Bereich eröffnet2 und einige Konzepte der vielfältigen Sozialkapitaldiskussion stringent in ein theoretisches ökonomisches Gerüst überführt. Andererseits plädiert Becker energisch dafür, die Stringenz der ökonomische Theorie nicht leichtfertig, z.B. durch die Postulierung neuer Präferenzen bzw. Präferenzänderungen zu unterlaufen. Die Annahme einer Präferenz für soziale Kontakte wird im Rahmen der Sozialkapitaldebatte und von Erklärungsmodellen zu pro-sozialen Verhalten vielfach als naheliegender und legitimer Ausweg genutzt, die beobachtete Vielfalt und Intensitäten sozialer Interaktionen und somit die individuelle Bedeutung des Sozialen und des Sozialkapitals abzubilden. Beckers strenge Maßstäbe an ökonomische Theorien entlarven dieses Konzept jedoch als nicht theoriekonform und somit als nicht zielführend, da Präferenzen und deren Entstehung und Veränderung der Ökonomie unzugänglich sind. In diesem Beitrag wird gezeigt, dass – der strengen Beckerschen Forschungstradition folgend – mit den Konzepten des Distinktionsnutzens und des Identitätskapitals eine modellgerechte Lösung für die Frage der Interaktion zwischen ökonomischen Modellindividuen erreichbar ist. Ein Exkurs weist kurz auf die empirischen Befunde der sozialpsychologischen, postmodernen Identitätstheorie hin, die als Hinweis auf den Bedarf an Identitätsbildung betrachtet werden kann.


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Jan Freese
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Diplom-Biologe. Von 2001 bis 2003 in der Landschaftsplanung in Frankfurt (Oder) tätig. Seit 2003 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum Landwirtschaft und Umwelt (ZLU) der Universität Göttingen.

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Prof. Dr. Rainer Marggraf

1994 Professur für Volkswirtschaftslehre am Institut für Verkehrswissenschaft im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Hamburg. Seit 1995 Professur für Umwelt- und Ressourcenökonomik an der Fakultät für Agrarwissenschaften der Georg-August-Universität Göttingen.

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Dr. Mark Euler
Mark Euler

geb. 1973. Seit 2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Transferstelle 'Dialog' der Universität Oldenburg. Aufgabengebiet war die Betreuung von Existenzgründern aus der Hochschule heraus sowie die Leitung verschiedener EU Projekt zum Thema Aufbau von Netzwerken für Gründer bzw. Transfereinrichtungen. Parallel dazu auch wiederholt Lehrbeauftragter an der Fakultät für Bildungs- und Erziehungswissenschaften der Universität Oldenburg. 2005 Dissertation zum Thema "Soziales Kapital. Ein Brückenschlag zwischen Individuum und Gesellschaft." Seit 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter am neu eingerichteten Stiftungslehrstuhl für Entrepreneurship der Universität Oldenburg.

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