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Thursday, January 18, 2018
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Politische Remigranten in Berlin
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Politische Remigranten in Berlin

22 pages · 3.22 EUR
(August 1997)

 
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Aus der Einleitung:

Wenn von politischer Remigration nach 1945 die Rede ist, stellt Berlin aus mehreren Gründen einen Sonderfall dar. Berlin meint in diesem Zusammenhang zunächst die von den vier Siegermächten nicht ohne Schwierigkeiten, aber dennoch bis 1948 gemeinsam verwaltete ehemalige Reichshauptstadt. Wieviele Emigranten aus Berlin stammten oder in Berlin ihr politisches Wirkungsfeld hatten, wird im ersten Band des Biographischen Handbuchs der deutschsprachigen Emigration (BHb) beeindruckend deutlich.

Die übergroße Mehrheit von ihnen kehrte nicht zurück. Die meisten Remigranten − im BHb sind die Namen von mehr als 200 Personen genannt − gehörten der Kommunistischen Partei an oder standen ihr nahe und kamen aus Moskau nach Ostberlin. Das verwundert nicht, denn die sowjetische Besatzungsmacht und die in Moskau auf die Rückkehr nach Deutschland vorbereitete KPD-Parteiführung hatten die schnelle Rückführung von “Kadern” geplant und in die Tat umgesetzt. Dies hieß allerdings keinesfalls, daß jeder in die Sowjetunion emigrierte Kommunist zurückkehren konnte, wenn er es nur wollte. Für die KPD-Führung kamen nur diejenigen Emigranten als Rückkehrer infrage, die die Zeit der Stalinschen Säuberungen ohne Vorwurf überstanden hatten, daneben die inzwischen älter gewordenen Kinder von Emigranten und vor allem eine große Zahl von antifaschistisch “umerzogenen” und darum willfährigen Kriegsgefangenen. Das hieß für Berlin, daß im Sommer 1945, als die Westalliierten in Berlin eintrafen, bereits zahlreiche Verwaltungsposten mit Kommunisten besetzt waren, darunter mit nicht wenigen Remigranten aus der Sowjetunion. Darauf soll hier ebensowenig eingegangen werden − obwohl auch das zum Sonderfall Berlin gehört − wie auf die vielen Remigranten aus der Sowjetunion, die während dieser ersten Rückkehrwelle von Kommunisten noch in sibirischen Zwangsarbeiterlagern eingesperrt waren und auch nach ihrer Entlassung nicht sofort nach Deutschland − d.h. für die meisten die DDR − zurückkehren konnten, weil die SED-Führung ihre Anwesenheit noch nicht “wünschte”. Nach ihrer späten Rückkehr waren sie gezwungen, ihre Leidensgeschichte als Opfer des Stalinismus zu verschweigen.

Von denen, die nach Berlin zurückkehrten, sollen im folgenden einige aus dem Westteil der Stadt näher betrachtet werden. Insgesamt sind dies im erwähnten BHb nur etwa 25. Warum es so wenige waren, wird zu erklären sein. Auf Ostberlin werde ich nur anhand von zwei Beispielen eingehen, die die Probleme sogenannter Westemigranten erläutern − ich sage sogenannt, weil die SED aus diesem Wort, das zunächst nur die Richtung der Emigration anzeigte, schon bald ein Signum für Verdächtigungen und Parteiausschluß machte.

Der Sonderfall Berlin meint nicht in erster Linie, daß viele Emigranten nach Ostberlin und nur wenige nach Westberlin zurückkehrten. Es geht vielmehr um etwas anderes, was in gewisser Weise auch die geringe Zahl der nach Westberlin zurückgekehrten Emigranten erklärt: Im politischen Klima der sich − zunächst nur allmählich − auseinander entwickelnden Viersektorenstadt Berlin standen Pläne und Hoffnungen der zurückgekehrten Emigranten in ganz anderer, unmittelbarer Weise auf dem “Prüfstand”, wie Willy Brandt später schrieb, als das in den Westzonen, aber auch in der sowjetischen Besatzungszone der Fall war. Kurt Schumacher umriß diesen Tatbestand im August 1946 in einem Brief an den Gewerkschafter Siegfried Aufhäuser, der sich noch in New York befand. Eines seiner wichtigsten politischen Ziele für den politischen Wiederaufbau war: “Man muß der Welt zeigen, daß es auch einen Sozialismus europäischer Prägung und nicht nur einen Staatssozialismus des Kreml gibt”. Wo anders als im Berlin der Nachkriegszeit konnte das am besten versucht werden, wo anders aber auch war ein solches Ziel leichter aus den Augen zu verlieren?

Gerade deshalb war es für viele Emigranten nicht selbstverständlich, nach Berlin zurückzukehren, auch wenn sie einmal aus dieser Stadt gekommen waren. Beispielhaft für die Vorbehalte vieler Emigranten ist ein Brief von Fritz Tarnow, den er im Februar 1946 an Ernst Reuter schrieb. “Ganz unerträglich” finde er die Verhältnisse in Berlin, “wo im russischen Gebiet wie in der ganzen russischen Zone die Kommunisten ganz schamlos die Machtstellung ausnutzen, die ihnen die Russen einräumen und wo unsere Freunde ganz einfach Gefangene sind ... Ich persönlich warte auch noch auf eine Gelegenheit, mich drinnen nützlich machen zu können, aber nach Berlin oder den Osten denke ich allerdings nicht zu gehen.” Die Gründe für die skeptische Haltung Tarnows lagen auf der Hand. Die politische Situation Berlins war alles andere als klar. Die Anti-Hitler- Koalition und die in diesem Geiste vereinbarte gemeinsame alliierte Verwaltung der Stadt bestand schon bald nur noch auf dem Papier. Die “Westsektoren” Berlins waren weit von den westlichen Besatzungszonen entfernt und dorthin vor allem zog es diejenigen Remigranten, die mit der Sowjetunion und der Kommunistischen Partei wenig oder gar nichts im Sinn hatten.


quotable essay from ...
Rückkehr und Aufbau nach 1945
Claus-Dieter Krohn, Patrik von zur Mühlen (Hg.):
Rückkehr und Aufbau nach 1945
the author
Siegfried Heinemann

FU Berlin, Politikwissenschaft