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Sunday, January 21, 2018
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Sozialkapital aus Sicht der Rational Choice Soziologie
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Sozialkapital aus Sicht der Rational Choice Soziologie

35 pages · 6.53 EUR
(January 2008)

 
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Aus der Einleitung:

Soziologen klassifizieren seit langem viele Bereiche des menschlichen Zusammenlebens als Tauschvorgänge. Beispielsweise betonte Georg Simmel (1900), dass die meisten Beziehungen zwischen Menschen als Tauschhandlungen interpretiert werden können – nach Simmels Auffassung gilt dies keineswegs nur im Geschäftsleben, sondern auch für die Mehrzahl sozialer Beziehungen. Tauschdeutungen sind demnach nicht nur für wirtschaftliche Transaktionen sinnvoll, sondern auch für so unterschiedliche Interaktionssituationen wie etwa Augenkontakte, Gespräche, Kartenspiele und Verabredungen. Ausgehend von diesen Überlegungen wurden bereits vor Jahrzehnten grundlegende Arbeiten zu Austauschvorgängen und ihren Konsequenzen veröffentlicht. Bekannte Beispiele sind die behavioristisch fundierte Tauschtheorie von Homans (1974), die strukturelle Analyse sozialen Tausches von Blau (1964) und das Modell zum Stimmentausch in legislativen Körperschaften von Coleman (1973); Beiträge mit engem tauschtheoretischen Bezug stellen u.a. Gouldners (1960) klassischer Artikel zur Norm der Gegenseitigkeit oder Reziprozität und Emersons (1962) Aufsatz zu Macht und Abhängigkeit in dyadischen Beziehungen dar.

Vor einem soziologischen Hintergrund erscheint der Grundgedanke des Tausches (Leistung und Erwiderung im Sinne von Gegenseitigkeit) mithin als wesentliche Grundlage sozialer Interaktionen. Der Tausch von Gütern und Dienstleistungen ist überdies schon immer eine zentrale Erscheinung des Wirtschaftslebens. Dies hat sich v.a. in der Mikroökonomik (z.B. Varian 1992, 2003) und hier insbesondere in der Preistheorie (z.B. Ott 1991) niedergeschlagen. Dabei setzen die Ökonomen im Rahmen ihrer Theoriebildung nahezu immer das Rationalprinzip voraus, wonach jeder Akteur im Rahmen von zu treffenden Entscheidungen durch eine entsprechende Verwendung verfügbarer Mittel jeweils einen nach eigenem Urteil bestmöglichen Zustand zu erreichen versucht. Zur Konkretisierung des Prinzips werden üblicherweise Theorien rationalen Handelns (d.h. Varianten der Nutzen- und Spieltheorie) bei der Modellbildung herangezogen.

In den letzten Jahrzehnten haben sich u.a. tauschtheoretisch interessierte Soziologen an der ökonomischen Forschungsstrategie orientiert und deren Übertragung bzw. Modifikation für die Analyse soziologischer Sachverhalte und Vorgänge betrieben.

Zweifellos waren die fachübergreifenden Arbeiten des Ökonomen und Soziologen Gary Becker für diesen Popularitätszuwachs des ökonomischen Theoriebildungsansatzes mitverantwortlich. Daneben haben auch Nichtsoziologen soziologische Themen erfolgreich mit der ökonomischen Forschungsstrategie untersucht. Auch aufgrund derartiger Arbeiten erfreut sich der so genannte Rational Choice (RC) Ansatz inzwischen in der Soziologie einer gewissen Akzeptanz. Im Rahmen von RC Analysen wird das aus soziologischer Sicht zu erklärende soziale Geschehen als Resultat der Verflechtung einzelner Handlungen begriffen und daher Soziologie auf der Grundlage des methodologischen Individualismus betrieben. Aus dieser Perspektive werden Phänomene und Prozesse aus den Themenbereichen der Soziologie (wie z.B. soziale Differenzierungen, soziale Institutionen und sozialer Wandel) letztlich als Folgen menschlicher Entscheidungen und Handlungen aufgefasst. Die sozialen Sachverhalte und Vorgänge ergeben sich dabei aus der widerspruchsfreien Kombination der einzelnen Entscheidungen und Handlungen aller beteiligten Akteure, d.h. sie resultieren als dauerhafte Zustände (Gleichgewichte).

Die RC Soziologie steht mithin für eine bestimmte Art der soziologischen Theoriebildung: Den Entscheidungs- und Handlungsträgern (z.B. Individuen, Organisationen) werden anreizgeleitete optimierende Entscheidungen unter spezifizierten Nebenbedingungen unterstellt, um resultierende soziale Folgen durch die konsistente Kombination der plantreu erfolgenden Handlungen im Rahmen von Gleichgewichtsanalysen zu erklären. Wie in der Ökonomik ist die Voraussetzung optimierenden Verhaltens dabei nicht als psychologisches Postulat zu verstehen, sondern als idealisierende Auslegung der Prämisse des situationsgerechten und vernunftgeleiteten Handelns des jeweils betrachteten Modellakteurs.

Gleichzeitig betonen RC Soziologen nahezu immer, dass strukturelle Gegebenheiten die Verhaltenswahlen und deren gesellschaftlichen Konsequenzen mitprägen. Es existieren danach stets soziale Einflüsse auf das individuelle Entscheidungsverhalten; zudem erzeugt erst das Zusammenwirken der einzelnen Verhaltensweisen die zu erklärenden sozialen Sachverhalte oder Prozesse, so dass der jeweiligen Aggregationslogik der Handlungen (z.B. Abstimmungsregel, Kaskadenprozess, Marktaggregation) wesentliche Bedeutung zukommen kann. RC Soziologen erklären soziale Sachverhalte und Vorgänge also unter Verwendung von Theorien rationalen Handelns (d.h. Nutzen- und Spieltheorie), ohne dass dabei strukturelle Einflüsse (z.B. institutionelle Regelungen oder Organisationsformen) für individuelle Entscheidungen und kollektive Ausgänge vernachlässigt werden. Nach der Überzeugung der meisten Soziologen stellen soziale Beziehungen und ihre Effekte oftmals solche Struktureinflüsse dar. Insbesondere werden die Netzwerkverbindungen der entscheidenden und handelnden Akteure und ihre Konsequenzen als wesentliche Komponenten bei der Erklärung des ökonomischen und sozialen Geschehens betrachtet. Diese Überlegungen wurden in der jüngeren Vergangenheit im Zusammenhang mit dem Begriff „Sozialkapital“ auch von RC Soziologen vertieft. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit dem Forschungsfeld der Tauschtheorie. In diesem Beitrag werden daher theoretische und empirische Bezüge zwischen der Vernetzung der Akteure und Fragestellungen der Tauschtheorie hergestellt. Hierfür folgt zunächst ein selektiver Überblick zu Konzepten der sozialen Netzwerkanalyse und damit verknüpften Forschungsresultaten (Abschnitt 2). Nach einer Skizze der Zusammenhänge zwischen Rationalität und Netzwerkbildung werden vorliegende Konzeptualisierungen von Sozialkapital kurz erörtert (Abschnitt 3). Im Mittelpunkt stehen dann Fragestellungen der Tauschtheorie, deren Beantwortung aus Sicht der RC Soziologie mit Sozialkapital zu tun hat. Zuerst werden Lösungen von Vertrauensproblemen betrachtet, die sich im Zusammenhang mit Tauschvorgängen oftmals stellen (Abschnitt 4). Zuletzt wird ein Blick auf mögliche Tauschprofite und typische Tauschmuster von Verhandlungspartnern geworfen, die in gegebene Netzwerkstrukturen eingebunden sind (Abschnitt 5).


quotable essay from ...
Sozialkapital: eine (un)bequeme Kategorie
Wenzel Matiaske, Gerd Grözinger (Hg.):
Sozialkapital: eine (un)bequeme Kategorie
the author
Norman Braun

geb. 1959 in Neustadt/WN. Diplomstudium der Sozialwissenschaften in Nürnberg. Von 1988-1992 Graduiertenstudium der Soziologie an der University of Chicago mit den Abschlüssen M.A. und Ph.D. 1992-1999 Hochschulassistent am Institut für Soziologie der Universität Bern (Habilitation 1999). Seit Wintersernester 1999/2000 Universitätsprofessor am Institut für Soziologie der LMU München. Forschungsschwerpunkte: Modellbildung, Netzwerkanalyse, Wirtschaftssoziologie.