Dieter Schmidtchen
42 Seiten · 9,54 EUR
(März 2010)
Aus der Einleitung der Herausgeber:
Einem anderen modernen Problem widmet sich der Beitrag von Dieter Schmidtchen. Es ist der Versuch, Selbstmordattentate mit Hilfe einer ökonomischen Theorie der Religion zu erklären. Die Relevanz ist offensichtlich: Selbstmordattentate sind für einen Großteil der Opferzahlen durch Terrorismus in den letzten Jahren verantwortlich. Die Erklärung der Motive durch ein Rational-Wahl-Modell wurde schon früh als religiöse Austauschbeziehung modelliert, wo die eigene Opferung als Investition in eine Gegengabe im Jenseits verstanden werden kann. Das hat sich jedoch als eine sehr enge Sichtweise herausgestellt, da es die soziale Einbettung solcher Taten unberücksichtigt lässt. Vor allem wird die notwendige Existenz ‚religiöser Todesfirmen‘, die etwa Ausrüstung und Schulung bereit stellen, nicht analysiert.
Zunächst wird ausgeführt, wie eine rein individualistische Betrachtungsweise Religiosität in individuelle Nutzenfunktionen umzusetzen vermag, da dies für die Erklärung der Motivlage Grundlage bleibt. Für jeden Menschen ist Zeit (wie andere Ressourcen auch) knapp und muss in Arbeit, Konsum und Andacht etc. aufgeteilt werden. In welchen Proportionen dies geschieht, hängt von Randbedingungen ab, wobei für letzteres vor allem eine ‚Glaubensrendite‘ wichtig ist. Diese Größe wiederum beruht auf Annahmen von Gläubigen über den Umfang der Jenseitsfreuden (oder auch der Höllenstrafen) und der Sicherheit ihres Eintreffens. Es handelt sich also um Aussagen in einem virtuellen Raum, die nicht direkt überprüfbar sind. Ein soziales Umfeld, das solche Annahmen teilt, wird entsprechend auch bei Selbstmordattentätern motivstärkende Wirkungen entfalten. Allerdings, schon allein, dass es auch eine hohe Anzahl nicht-religiös begründeter Attentate gab, lässt erkennen, dass eine solche Herleitung allein noch nicht langt. Stattdessen ist der Nachfrageseite stärkeres Gewicht zuzusprechen, in der (eigentlich politisch motivierte) Terrororganisationen auf der Suche nach geeigneten Kandidaten für Selbstmordattentate sind. Wie in jeder Organisation gibt es auch hier ein ‚Management‘, das Personalrekrutierung betreibt. Gesucht sind zuverlässige, für die Aufgabe gut ausgebildete und vor allem verlässliche Leute. Ein religiöses Umfeld kann unter bestimmten Bedingungen solche Informationen über Personen liefern. Besonders Sekten mit ihrer Politik der sozialen Abschließung und den vielen Ritualen der Überprüfung der Glaubenfestigkeit ihrer Anhänger leisten dies.