Thomas Fricke und Gert G. Wagner
13 Seiten · 3,65 EUR
(November 2008)
Aus der Einleitung:
Der 2006 begonnene wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland hatte etwas Kurioses an sich, jedenfalls gemessen an den vorangegangenen Diagnosen der Mainstream-Ökonomie. Noch 2006, ja 2007 galt es als ausgemacht, dass es auf absehbare Zeit kein Wachstum von zwei oder gar mehr Prozent geben wird – weil Deutschland heillos verkrustet, die Löhne zu hoch, die Bürokratie zu ausufernd, die Steuern zu kompliziert, die Firmen zu alt-industriell, die Ökonomie nur ein Basar und die Menschen schlecht ausgebildet seien. Und weil die Agenda-Reformen, so hieß es, bestenfalls ein erster Schritt in die vermeintlich richtige Richtung seien. Auf den medialen Punkt wurde diese Überzeugung gebracht in Sabine Christiansens Klageshow, Hans-Werner Sinns wirtschaftlichen Absturzprophezeiungen und Meinhard Miegels Abgesängen auf die deutsche Zukunft schlechthin. Dann aber wuchs dieselbe deutsche Wirtschaft plötzlich zwei Jahre in Folge mit Raten deutlich über zwei Prozent, war sie unversehens nicht mehr europäisches Schlusslicht, dafür penetrant Exportweltmeister, mit Firmen, die nicht mehr flohen, sondern viel mehr im Inland als im Ausland investierten. Mehr noch: die Wirtschaft wuchs zwei Jahre im Schnitt schneller als die US-amerikanische, und die Arbeitslosigkeit lag plötzlich bei 3 statt bei 5 Millionen, obschon sie doch nach kürzlich noch gängigen Prophezeiungen eigentlich längst auf 6 Millionen zusteuern sollte. Wie konnte das so kommen? Die Antwort hat nicht nur historischen Wert, sie bietet auch jede Menge Stoff für eine womöglich dringend notwendige Grundüberholung der wirtschaftspolitischen Leitgedanken im Land – weil die Entwicklung durch das Modell nur schwerlich zu erklären ist, aus dem diese Leitgedanken stammen. Die Jahre 2005 bis 2007 haben gezeigt, wie sehr das (wirtschaftliche) Wohl des Landes von einer guten Konjunktur abhängt, die in den Mainstream-Denkmodellen bestenfalls noch als Restgröße vorkommt. Eine Konjunktur, die angeblich weder wichtig, noch bestimmbar und erst recht nicht beeinflussbar ist. Und die beiden Erfolgsjahre legen den Verdacht zumindest nahe, dass zu einer guten Wirtschaftspolitik nicht nur das stakatoartige Aneinanderreihen von mehr oder weniger geglückten Struktur-Reformen gehört, sondern auch das Timing dieser Reformen und ein konjunkturelles Umfeld, das Regierungen und Notenbanken mit beeinflussen, ob sie wollen oder nicht – und das offenbar entscheidend ist, damit vernünftige Reformen sich überhaupt auszahlen und auswirken können.
Wir wollen in diesem Beitrag zu Ehren von Jürgen Kromphardt, der in Jahrzehnten nicht den einfachen Weg des akademischen Mainstreams gegangen ist, den Versuch eines Gedankengebäudes skizzieren, das zeigt, wie die Polit-Ökonomie einer modernen Wirtschaftspolitik aussehen könnte. Eine Politik, die strukturelle Verbesserungen anstrebt, dabei aber nicht aus den Augen verliert, dass so etwas wenig hilft, wenn nicht mindestens ebenso stark darauf geachtet wird, ob diese Politik zum konjunkturell sinnvollen Zeitpunkt einsetzt. Und die bedenkt, welche konjunkturellen Kollateralschäden oder -nutzen sie selbst mit sich bringt. Dabei stellen wir in den Vordergrund, dass für eine solche konjunktursensible Wirtschaftspolitik politökonomische Überlegungen und entsprechend klug gestaltete Institutionen eine entscheidende Rolle spielen (sollten). Polit-Ökonomie ist bislang aber nicht in das Gebäude der Makroökonomie integriert, sondern es wird von Makrotheoretikern gerne auf Ad-hoc-Basis argumentiert.
Wir haben kein im Detail ausgearbeitetes Regulierungsregime für eine bessere makroökonomische Politik anzubieten. Vielmehr nutzen wir die Chance einer Festschrift, um Überlegungen festzuhalten, die – wie die Politökonomie der angesehenen makroökonomischen Kollegen – auf persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen beruhen. Im günstigsten Fall, so hoffen wir, können wir NachwuchswissenschaftlerInnen anregen viel tiefer zu bohren.