Andreas Jäger
Hardcover, Fadenheftung
Dissertationsschrift
368 Seiten · 36,80 EUR (inklusive MwSt. und Versand)
ISBN 3-89518-247-8
(September 1999)
31 Abbildungen, 9 Sp. Personenregister
Beschreibung
Was ist Ökonomie? Von den Historiographen der Wirtschaftswissenschaft, welche die Geschichte des Faches in der Art Schumpeters linear als die Geschichte eines stetigen analytischen Fortschritts darstellen, wird betont, die Leistung der Begründer der Neoklassik würde darin bestehen, das von der Wirtschaftswissenschaft zu analysierende Problem in eindeutiger Weise als Problem ökonomscher Allokationseffizienz definiert und von Werturteilen befreit zu haben. Doch gibt es den einzig richtigen, zeitlosen wissenschaftlichen Zugang zu ökonomischen Fragen? Jäger meint nein. Die Frage, was Ökonomie ist, sei eine Frage interessengeleiteter und historisch bedingter Definition und als solche immer wieder neu zu beantworten.
Jäger zeichnet den Prozess nach, in dessen Rahmen im Verlaufe des 19. Jahrhunderts die Wirtschaftswissenschaft, die in ihrer klassischen Ausprägung als politische Ökonomie verstanden wurde, auf Fragen von Knappheit und Optimierung reduziert wurde. Er unternimmt den Versuch, diesen Prozess in seiner Bedeutung zu verstehen. Die Leitfrage lautet: Was entsteht mit der Entstehung der modernen Wirtschaftswissenschaft?
Die Entwicklung der ökonomischen Wissenschaft im 19. Jahrhundert erweist sich als wesentlicher Bestandteil des Programms der Moderne, für welches Begriffe wie Funktionalität, Konstruktion, Effizienz, Rationalität und Technik stehen. Die ökonomische Wissenschaft versteht sich im 19. Jahrhundert als Konstrukteurin des Marktmechanismus, als gesellschaftliche Wohlstandsmaximierungsmaschine, in welcher der einzelne Mensch keine moralischen Überlegungen anzustellen, sondern nur auf Preissignale zu reagieren hat. Die Herauslösung der Wirtschaft aus dem Gesamt gesellschaftlicher Beziehungen geschah nicht nur in Anwendung des analytisch-reduktionistischen Erkenntnisverfahrens. Die Trennung zwischen Ökonomie und Nicht-Ökonomie im Bereich gesellschaftlichen Daseins wurde vielmehr als konkreter Vorschlag zur Gestaltung menschlicher Interaktion verstanden. Es hieße die Geschichte der ökonomischen Wissenschaft zu missdeuten, dies als wertfreien, zeitlosen Zugang zu ökonomischen Fragen zu interpretieren.
Politische Ökonomie im 19. Jahrhundert: Eine Standortbestimmung · Léon Walras: Mathematische Ordnung der als 'entia physica' gedachten Ökonomie · Antoine Augustin Cournot: Die Moderne als nachgeschichtliches Zeitalter · Jean-Baptiste Say: Politische Ökonomie in pädagogischer Absicht · William Whewell: Wege und Irrwege wissenschaftlicher und moralischer Kultur · Alfred Marshall: Evolutionismus und Politische Ökonomie · William Stanley Jevons: Mechanistische Rationalisierung menschlicher Interaktion.
dem Verlag bekannte Rezensionen (Auszüge)
Die moderne Ökonomie hat sich in ihrem Denken radikal von ihren historischen Wurzeln gekappt. Nur wenige Ökonomen sind bereit, sich mit früheren, alternativen Konzepten auseinanderzusetzen. Dabei ist gerade das neoklassische Paradigma selbst historisch verwurzelt, und zwar in der Mechanik der Naturwissenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts, wie Jäger aufzeigt: Ihre zentrale Vorstellung, der Mensch habe im Marktgeschehen keinerlei moralische Überlegungen anzustellen und reagiere mechanisch wie ein physikalisches Teilchen auf Preissignale, stammt aus dieser Zeit und wurde bei allen Modifikationen bis heute nicht aufgegeben.
Andreas Jäger rekonstruiert diese Entwicklung der modernen Ökonomie in der entscheidenden Phase des 19. Jahrhunderts an Hand von 6 Portraits wichtiger Ökonomen wie Leon Walras, Jean-Baptiste Say, oder William Stanley Jevons. Die Entstehung des neuen Paradigmas wird so greifbarer als in den üblichen Überblicksdarstellungen."