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Thursday, October 19, 2017
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Was verhandelt wird, und wovon zu verhandeln wäre
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Was verhandelt wird, und wovon zu verhandeln wäre

12 pages · 2.87 EUR
(September 2004)

 
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Aus der Einleitung:

Worüber nicht gesprochen werden soll

Manchmal ist das bei weitem interessanter, worüber nicht gesprochen wird, als das, worüber man spricht. Die Buchausgabe der internationalen Schulstudie PISA mit ihren für Deutschland wenig schmeichelhaften Ergebnissen war noch nicht im Buchhandel, da wurde im politischen Raum über Parteigrenzen hinweg ein Denkverbot verhängt. In keinem Fall dürfe man jetzt eine Strukturdiskussion führen – womit gemeint war: eine Diskussion über die Struktur des früh selektierenden deutschen Schulwesens. Berlins sozialdemokratischer Schulsenator nannte dies sogar „das Perverseste, was passieren könne“.

Daran änderte sich auch nichts, als die Grundschulstudie IGLU erschien. Anders als PISA, das die Ergebnisse am Ende der Mittelstufe abbildete, bezog sich IGLU auf die Grundschule und zeigte für Deutschland im Vergleich zu PISA signifikant bessere Ergebnisse. Stellte man beide Studien nebeneinander, so konnte kein Zweifel bestehen: die Grundschule hat Probleme, die Mittelstufe ist das Problem. Doch war zu diesem Zeitpunkt die Schere im Kopf schon so wirksam, dass auch durch evidente Empirie das Denkverbot nicht mehr aufgehoben wurde.

Nun hat der Blick auf die frühkindliche Förderung und die Grundschule ganz ohne Zweifel auch dort Handlungsbedarf deutlich werden lassen. Der Satz, dass es wichtig ist, wie die Fundamente gelegt werden, ist unbestreitbar richtig. Dass frühkindliche Erziehung im Kindergarten in Deutschland in der Vergangenheit nicht die Aufmerksamkeit gefunden hatte, wie es der Sache nach angeraten gewesen wäre, ist ebenso wenig von der Hand zu weisen wie die Forderung, bei Immigrantenkindern dem Erwerb deutscher Sprachkompetenz schon in diesem Alter eine weit größere Bedeutung zu geben als dies bisher der Fall war. Auch dass Leseförderung ein Thema öffentlicher Aufmerksamkeit wurde, ist zu begrüßen: doch spätestens hier war beim Vergleich der Ergebnisse augenfällig, dass die Lust der Kinder am Lesen im frühen Alter sicher noch besser geweckt werden kann, sie diese Lust aber (wie auch häufig die Lust am Lernen überhaupt) vor allem in der Mittelstufe wieder verlieren.

Das schnell verhängte Denkverbot hat seine Gründe. Offensichtlich sitzt allen Beteiligten immer noch die Angst im Nacken, es könnte sich wiederholen, was in den siebziger Jahren geschah: dass sich die Bildungsdiskussion festbeißt in dem, was man dann „Grabenkämpfe“ genannt hat. Schaut man auf die PISA-Sieger, so zeigt der Rückblick in die siebziger Jahre freilich auch: als die deutsche Diskussion in der Sackgasse dieser Grabenkämpfe endete, hat Finnland die in Deutschland gescheiterte Strukturreform durchgeführt. Man wird daher die Frage wohl nicht einfach ausschließen können, ob zwischen der gelungenen Strukturreform dort und der gescheiterten Strukturreform hier und den nunmehr festgestellten Ergebnisse nicht doch ein Zusammenhang bestehen könnte.


quotable essay from ...
Wissensgesellschaft, Verteilungskonflikte und strategische Akteure
Dominik Haubner, Erika Mezger, Hermann Schwengel (Hg.):
Wissensgesellschaft, Verteilungskonflikte und strategische Akteure
the author
Hartmut Holzapfel

Jg. 1944. 1974 bis 1995 und seit 1999 Mitglied des Hessischen Landtages, seit 2001 Vorsitzender des Ausschusses für Wissenschaft und Kunst. 1991 bis 1999 Hessischer Kultusminister, 1996 bis 1999 deutscher Vertreter im Bildungsministerrat der Europäischen Union.