Rudi Kurz
14 Seiten · 4,35 EUR
(September 2007)
Aus der Einleitung:
Wirtschaftswachstum wird global als vorrangiges strategisches Ziel gesehen, das dadurch begründet ist, dass es zugleich zur Lösung verschiedener gesellschaftlicher Probleme beiträgt. Negative Nebenwirkungen werden insgesamt als relativ gering eingeschätzt. Die Kosten-Nutzen-Bilanz fällt eindeutig positiv aus: Wirtschaftswachstum bedeutet per saldo mehr Wohlstand. Dieses Denkgebäude und Deutungsmuster des wirtschaftlichen Entwicklungsprozesses kann als „Wachstumsparadigma“ bezeichnet werden.
Positionen, die Wachstum bzw. das Wachstumsparadigma generell in Frage stellen, die Kosten-Nutzen-Bilanz negativ sehen, haben bislang die „herrschende Meinung“ wenig beeinflusst. Verschiedene Ansätze, die sich durch Begriffe wie „qualitatives Wachstum“, „Null-Wachstum“, „nachhaltiges Wachstum“ andeuten lassen, konnten das Paradigma letztlich nicht im Kern erschüttern.
Angesichts des faktischen „Deutungs-Monopols“ des Wachstumsparadigmas ist die Auseinandersetzung damit eine interessante intellektuelle Herausforderung und Teil der akademischen Pflicht zu kritischem Denken. Es ist aber mehr als das; es ist auch Teil einer immer drängender werdenden Suche nach sozialverträglichen Auswegen aus zunehmenden ökologischen Problemen.
Ein Paradigma gerät (erst) in die Krise, wenn es sein Erfolgsversprechen im Kern nicht mehr erfüllen kann. Konkret bedeutet dies für das Wachstumsparadigma: Wenn Wirtschaftswachstum – in der Wahrnehmung relevanter Teile der Gesellschaft – nicht mehr mit einer Zunahme des Wohlstands verbunden ist, dann ergibt sich die Chance für die Durchsetzung eines neuen Paradigmas, das ein attraktiv(er)es Erfolgsversprechen bietet.
Allerdings sind Paradigmen stets mit Immunisierungsstrategien ausgestattet. Dazu gehört z.B. die Dominanz in Expertenzirkeln, die mit Deutungshoheit ausgestattet sind, die regelmäßig von Entscheidern in Politik und Wirtschaft sowie von Meinungsmachern konsultiert werden. So gelingt es, Wachstum als natürlichen Ausdruck einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung darzustellen und so wird Wachstumskritik zu Systemkritik.
Im vorliegenden Beitrag kann das Wachstumsparadigma nur in seinen Grundzügen dargestellt werden. Die kritische Auseinandersetzung ist fokussiert auf die Umweltaspekte und auf die gängige Antwort „Öko-Effizienz“.