Veronika Nölle / Reinhard Pfriem
19 Seiten · 4,82 EUR
(September 2006)
Aus der Einleitung:
Mit diesem Kapitel wollen wir einen Blick darauf werfen, welche theoretischen und praktischen Konsequenzen daraus resultieren, einen kulturwissenschaftlichen Ansatz nicht nur auf der allgemeinen Theorieebene im Sinne des begonnenen cultural turn der Sozialwissenschaften zu begründen und zu proklamieren, sondern auch für die konkreten sozialen Praktiken von Akteuren – in unserem Fall im Feld Ernährung – fruchtbar zu machen.
Das 20. Jahrhundert war wissenschaftstheoretisch von dem Glauben durchdrungen, die größtmögliche Wissenschaftlichkeit in solchen Theorien suchen zu sollen, die möglichst objektive Aussagen im Sinne von möglichst subjektunabhängigen Aussagen zu treffen vermögen. Entsprechend wurden auf der kollektiven organisationsbezogenen Ebene Systemtheorien und auf der individuellen wie kollektiven persönlichen Ebene Verhaltenstheorien bevorzugt. Kulturtheorien und Handlungstheorien, die auf diesen beiden Ebenen eher die subjektive Seite ausleuchten, blieben demgegenüber in der Minderheit und wurden vielfach als unwissenschaftlich kritisiert.
Daraus wurde das Konstrukt von zwei Welten entwickelt, einer der vermeintlichen Fakten, für die die Wissenschaft zuständig sei, und einer der Werte, für die die Wissenschaft nicht zuständig sei. Sowohl das dominierende ökonomische Handlungsmodell, das den homo oeconomicus als Anpassungsoptimierer gegenüber spezifischen Rahmenbedingungen modelliert und für Veränderung seiner Aktionsformen folglich vor allem auf die Veränderung dieser Rahmenbedingungen setzt, als auch das dominierende soziologische Handlungsmodell, das den homo sociologicus als durch gesellschaftliche Werte und Normen geprägt oder gar determiniert sieht, sind streng genommen gar keine Handlungsmodelle, sondern Verhaltensmodelle.
Das kulturwissenschaftliche Handlungsmodell hat demgegenüber den Vorzug, individuelles und kollektives Handeln stark zu machen, selbstverständlich nicht abzulösen von den Handlungsbedingungen und Handlungskontexten, aber im Sinne der bekannten Rekursivität von Handeln und Struktur bei Anthony Giddens eben auch die Deutungsmuster, Bedeutungszuweisungen, kulturellen Codes, Sinnorientierungen, Bemühungen um kulturelle Identität etc. auf seiten der Handelnden untersuchen zu wollen, zu müssen und zu können.
Deswegen ist auch der häufige Vorwurf haltlos, wenn Wissenschaftler Aussagen über mögliches Handeln machten, sei das unzulässig normativ. Mindestens zunächst geht es bei den wissenschaftlichen Beobachtungen und Beschreibungen sowohl tatsächlichen wie möglichen Handelns um Verantwortung im außermoralischen Sinn – also eine Verantwortung im Sinne relationaler Verwicklungen, ohne dass ethisch-moralische Motive schon eine ausdrückliche Rolle spielen müssten. Und gerade dieser Typ von Verantwortung fängt vor der Verantwortung gegenüber anderen an als Verantwortung für sich selbst. Dies lässt sich übrigens im Feld der Ernährung besonders gut beobachten, insofern der kulinarische Umgang als Einverleibung von Anderem (Natur?) mit dem eigenen Körper und den eigenen Sinnen in einem engen Kopplungsverhältnis steht.