"Jahrbuch Ökonomie und Gesellschaft" · Band 9
331
Seiten ·
19,80 EUR
(inklusive MwSt. und Versand)
ISBN
978-3-89518-989-0
(Januar 1991
)
Alter Preis: 68 DM
"Auf dem großen Schachbrett der menschlichen Gesellschaft besitzt jede Figur ihr eigenes Bewegungsgesetz, welches sich grundlegend von demjenigen unterscheiden kann, das ihr der Gesetzgeber aufzwingen will. Wenn die beiden Gesetze zusammenfallen und in die gleiche Richtung wirken, verläuft das Spiel der menschlichen Gesellschaft leicht und harmonisch und ist aller Wahrscheinlichkeit nach glücklich und erfolgreich. Wirken sie einander entgegen oder sind unterschiedlich, so verläuft das Spiel schlecht und die Gesellschaft befindet sich allzeit in einem Zustand größter Unordnung."
Der vorliegende Band ist im wesentlichen einer Auseinandersetzung mit dieser Aussage des schottischen Moralphilosophen und politischen Ökonomen Adam Smith gewidmet, dessen Todestag sich am 17. Juli 1990 zum 200. Male jährte. Es geht um das "Bewegungsgesetz" des Individuums, dessen Einbindung in und Konditionierung durch überindividuelle Zusammenhänge und die Rolle des Staates - um das Spannungsfeld von individueller Freiheit und sozialer Ordnung. Es geht um den Prozeß menschlicher Zivilisation, um das Entstehen und Vergehen gesellschaftlicher Institutionen.
Smiths Beitrag zur Beantwortung dieser Grundfragen der Sozialwissenschaft wird im folgenden am Beispiel einiger der großen Themen seines Werkes einzuschätzen versucht. Krishna Bharadwaj (Jawaharlal Nehru Universität Delhi) erörtert das Smithsche System der politischen Ökonomie, dessen sozialphilosophische Perspektive sowie seine um das Konzept des gesellschaftlichen Überschußprodukts kreisende Erklärung der Verteilung des nationalen Reichtums. Sie befaßt sich anschließend mit der Kritik und Weiterentwicklung des Smithschen Ansatzes durch Ricardo und Marx und wendet sich gegen den Vereinnahmungsversuch seiner Lehre durch die neoklassische Theorie von Angebot und Nachfrage. Ulrich Krause (Universität Bremen) diskutiert das Verhältnis von Eigeninteresse und ethischen Gefühlen. Ersteres, so seine Grundannahme, sei zusammengesetzt aus verschiedenen, zum Teil widersprüchlichen Motiven. Um alle weiteren, nicht bereits von diesem Begriff erfaßten Motive und darüber dessen Verhältnis zu den ethischen Gefühlen zu bestimmen, sei die Zerlegung des Begriffs sowie seine anschließende Rekonstitution erforderlich. Paul A. Heise (Lebanon Valley College, Annville, USA) unternimmt den Versuch, Smiths Verhältnis zur Stoa zu bestimmen. Er greift dabei auf Smiths Schriften zur Physik, Metaphysik, Logik, Ethik und Ökonomik zurück, in denen allen der Einfluß der stoischen Philosophie nachweisbar sei. Hans Nutzinger (Gesamthochschule Kassel) erörtert die ethischen Grundlagen der Smithschen ökonomischen Analyse und gelangt zu einer Neueinschätzung des berühmten "Adam Smith-Problems". Er untersucht darüber hinaus die Frage, ob bei Smith Elemente einer "materialen" Gerechtigkeitskonzeption anzutreffen sind, die über eine bloße "Tauschgerechtigkeit" hinausweisen. Heinz D. Kurz (Universität Graz) befaßt sich mit Smiths Ausführungen zu Krieg und Frieden, einem zentralen Thema seiner Studien und Spekulationen zum Prozeß menschlicher Zivilisation. Die Arbeitsteilung, für Smith einerseits der Schlüssel zu Reichtum, national wie international, ist für ihn andererseits die Ursache besorgniserregender individueller und gesellschaftlicher Deformationen. Smith beklagt insbesondere den mit der Verbreitung des "Geschäftssinns" einhergehenden Verlust an "Militärgeist". Dieser Verlust schwäche die Wehrhaftigkeit der entwickelten Gesellschaften und stelle den Fortgang des Zivilisationsprozesses in Frage. Gefragt sei die "Klugheit des Staates", dem einzigen potentiellen Retter in letzter Not.
Die folgenden drei Arbeiten widmen sich in der Hauptsache dem zweiten Buch des WN, in dem Smith seine Theorie der Kapitalakkumulation und ökonomischen Dynamik entwickelt. Das Buch als ganzes, aber vor allem einige Teile darin sind besonders häufig auf Un- und Mißverständnis gestoßen. Peter Kalmbach (Universität Bremen) untersucht Smiths Unterscheidung zwischen "produktiver" und "unproduktiver Arbeit" und setzt sich kritisch mit den dagegen vorgebrachten Einwänden eines Marx und anderer Autoren auseinander. Er argumentiert, daß der Verzicht auf eine Unterscheidung dieser Art in der heutigen konventionellen Ökonomik nicht darüber hinwegtäuschen kann, daß Smith damit - in welch vorläufiger und zeitbedingter Art auch immer - einen bedeutenden Aspekt der Realität einzufangen vermochte. Die nächsten beiden Arbeiten befassen sich vor allem mit den überwiegend auf Kritik und Ablehnung gestoßenen, weil einander scheinbar widersprechenden beiden Rangordnungen, in die Smith die verschiedenen Sektoren einer Ökonomie glaubte bringen zu können: zum einen gemäß deren jeweiliger Zugänglichkeit für die weitere (intrasektorale) Teilung der Arbeit und den damit einhergehenden Produktivitätssteigerungen, zum anderen gemäß des jeweiligen Beschäftigungseffektes der Anlage eines Kapitals gegebener Größe. Albert Jeck (Universität Kiel) rekonstruiert minutiös Smiths Kapitalbegriff sowie die produktionstheoretischen Grundlagen von dessen Vorstellungen einer optimalen Allokation von Kapital und produktiver Arbeit im nationalen Rahmen. Er zeigt, welche Schlüsselstellung in diesem Zusammenhang den Smithschen Vorstellungen hinsichtlich der unterschiedlich großen sektoralen Rohstoffanteile am jeweiligen Gesamtkapital zukommt. Michael A. Landesmann (Universität Cambridge, UK) befaßt sich mit Smiths Stadientheorie der Entwicklung der "kommerziellen Gesellschaft". Er interessiert sich insbesondere für die Smithschen Empfehlungen, wie sich über die Zeit die sektoralen Investitionsprioritäten ändern sollen, damit es zu einem optimalen Entwicklungspfad kommt. Jeder der drei Autoren gelangt zum Ergebnis, daß Smiths Analyse, berücksichtigt man die speziellen Annahmen, auf denen sie beruht, weit weniger inkonsistent sei, als zahlreiche seiner Kritiker behaupteten.
Der Beitrag Otto Roloffs (Gesamthochschule Wuppertal) beschäftigt
sich mit dem fünften Buch des WN, welches Smiths finanzwissenschaftliche
Vorstellungen enthält, und konfrontiert diese mit dem neoklassischen
Ansatz. Er stellt heraus, daß Smith zufolge im Privatsektor
entstehende Verteilungs- und Eigentumskonflikte die Ursache staatlichen
Handelns seien und staatliche Herrschaft die Vorbedingung der
Sozialverträglichkeit privater Produktions- und Konsumtionstätigkeit.
Christof Rühl (Universität Stuttgart-Hohenheim)
diskutiert abschließend Smiths Beitrag zur Geldtheorie und
korrigiert das verbreitete Urteil, Smith habe diesbezüglich
nichts Nennenswertes beizusteuern gehabt. Erörtert werden
insbesondere Smith und die Quantitätstheorie des Geldes sowie
seine Auffassung zur Frage der Neutralität des Geldes.