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Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft (ARPLAN) – Reise in die Sowjetunion 1932

389 Seiten ·  68,00 EUR (inklusive MwSt. und Versand)
ISBN 978-3-7316-1390-9 (August 2019 )

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Kurz nach dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 beginnt Professor Friedrich Lenz mit Überlegungen, den Kapitalismus durch ein planwirtschaftliches Modell der Wirtschaft zu ersetzen. Zu diesem Zweck gründet er 1931 die Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft(ARPLAN). 1932 unternimmt diese eine Reise in die Sowjetunion. Neben konservativen Professoren nehmen auch profilierte Ökonomen des linken Spektrums wie Emil Lederer und niederländische Nationalökonomen an der Reise teil und referieren teilweise, was sie gesehen haben. Die Protokolle haben sich glücklicherweise erhalten, während ansonsten die meisten Unterlagen der ARPLAN bereits 1933 mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten vernichtet worden sind.

Das Buch dokumentiert die Protokolle in zwei Fassungen. Die eine stammt von dem späteren Widerstandskämpfer Arved Harnack, die andere von dem kommunistischen Ingenieur N. Kelen. Daneben wird versucht den sowjetischen Hintergrund zu rekonstruieren. Schließlich werden die Ergebnisse der Reise in Form der veröffentlichten Artikel wiedergegeben und die planwirtschaftlichen Überlegungen in die zeitgenössische Diskussion eingeordnet.

Vierteljahrschrift für Wirtschaft- und Sozialgeschichte, 2021, Band 108 ()

"Im Zentrum des Buches steht die Reise der ARPLAN vom 20.8.-12.9 1932. Diese heute unbekannte Vereinigung hatte erst Anfang 1932 ihre Gründungskonferenz in Berlin abgehalten und fand bereits ein Jahr später mit der Machtübernahme der Nazis ihr Ende. Die ARPLAN war eine heterogene Gruppe, die ein breites Spektrum, von Kommunisten bis zu Nationalkonservativen, umfasste. Treibende Kraft war der Gießener Ökonom Friedrich Lenz (1885-1968), der heute vor allem mit seinen Arbeiten zu Friedrich List in Erinnerung geblieben ist, in dessen lehrgeschichtlicher Tradition er stand.

Lenz war auch der Leiter der Studienreise auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, als der westliche Kapitalismus aufgrund von Massenarbeitslosigkeit in erhebliche Legitimationsprobleme geraten war. Infolgedessen bildeten unter den 24 Teilnehmern elf Ökonomen die größte Gruppe, gefolgt von sieben Ingenieuren, die vor allem die technische Seite der mit dem ersten Fünfjahresplan 1928 eingesetzten forcierten Industrialisierungsstrategie in Augenschein nahmen. Zur Reisegruppe gehörten auch drei Niederländer unter Leitung von Professor Hermann Frijda aus Amsterdam, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Einen Kern des Bandes stellen die beiden Reiseberichte von Arvid von Harnack und Nikolaus Kelen dar (S. 47-143). Harnack war Sekretär der ARPLAN und hatte bei Lenz promoviert. Er entstammte einer großbürgerlichen Gelehrtenfamilie und wurde 1942 als führendes Mitglied der Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" hingerichtet. Sein "offizieller" Bericht, zu dem viele Teilnehmer beitrugen, listet die einzelnen Etappen akribisch auf. Im Gegensatz dazu ist der Bericht von Kelen, Dozent für Baukonstruktionen im Wasserbau an der TH Charlottenburg, wesentlich kohärenter und stellt eine gute Ergänzung dar. Der zweite Hauptteil (S. 145-252) umfasst neun Veröffentlichungen im Anschluss an die Reise, darunter allein vier von Lenz, zwei von Emil Lederer, Deutschlands "führendem akademischen Sozialisten" (Schumpeter) und einem der wenigen aktiven Kämpfer für die Weimarer Republik, sowie je ein Beitrag von Ernst Niekisch, Adolf Grabowsky und Frijda, in denen die sowjetrussische Realität z. T. wesentlich kritischer gesehen wird, als es in den beiden Reiseberichten zum Ausdruck kommt. Eher verzichtbar ist dagegen der dritte Hauptteil (S. 257-379), in dem Rieß eine breite Auswahl der zeitgenössischen Literatur zur Planwirtschaft zusammengestellt hat, darunter einen sehr leichtgewichtigen Vortrag von Werner Sombart.

Lenz war ein vehementer Gegner des Versailler Vertrages und vor allem vom Geist von Rapallo inspiriert. In der Selbständigkeit der deutsch-russischen Beziehungen, einer gewissen Balance zwischen Versailles und Moskau, sah er einen wesentlichen Ansatzpunkt, um Deutschlands machtpolitische Schwäche zu überwinden und "dem Schicksal einer Eingliederung in ein großfranzösisches Reich" (Niekisch, S. 209) zu entgehen. Als konservativer Gegner von Weimar und Kritiker am wirtschaftlichen Liberalismus resultierte bei Lenz eine Offenheit gegenüber der Sowjetunion und ihrer Planwirtschaft in der Krise.

Zum Zeitpunkt der Reise war der Holodomor, die große Hungerkatastrophe im Süden der Sowjetunion 1932/33, bereits in vollem Gange, unter der die Ukraine mit ca. 3,5 Millionen Toten besonders litt. Er war die Folge der Priorität des Aufbaus der Schwerindustrie bei gleichzeitiger Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und erbarmungsloser Liquidierung des Kulakentums. Für die Reisenden war es aber nur ein unbestätigtes Gerücht, zumal die russischen Gastgeber ihnen eher Potemkinsche Dörfer, wie die Spartakiade mit jugendlichen Sportlern, die sich durch "kräftigen Körperbau und die gesunde Gesichtsfarbe auszeichneten" (S. 115), vorführten und die Route in der Südostukraine diskret veränderten.

Die eklatante Knappheit an Konsumgütern, die leeren Läden als Folge des Warenmangels, die materielle Entbehrung beim opferreichen Aufbau einer Industrie, in der der Taylorismus zur Vollendung getrieben wurde, sowie die drohende Hungerkatastrophe kommen in den Nachbetrachtungen wesentlich klarer zum Ausdruck als in den Reiseberichten, so analytisch präzise beim alten Rätekommunisten Niekisch. Die kompetenten Kommentierungen des Herausgebers ergänzen ein sehr lesenswertes Buch."




the author
Rolf Rieß
MA, veröffentlichte diverse Aufsätze über Werner Sombart, Robert Michels, Gustav Schmoller und Adolph Wagner und gab zusammen mit Reinhard Mehring mehrere Bände mit Schriften von Ludwig Feuchtwanger sowie den Briefwechsel von Carl Schmitt mit Ludwig Feuchtwanger heraus.
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