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Bessere Modelle oder gesunder Menschenverstand?
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Bessere Modelle oder gesunder Menschenverstand?

Was wir aus der Finanzkrise lernen sollten

34 Seiten · 5,81 EUR
(28. Dezember 2011)

 
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Aus der Einleitung:

Seit die Kritik am Mainstream auch unter Ökonomen Mode geworden ist, findet man sich unerwartet in intellektueller Gemeinschaft mit Leuten, die man bisher ganz woanders vermutet hatte. Fast sieht man sich gezwungen, die Neoklassik gegen ihre Neokritiker in Schutz zu nehmen ? gegen den Radikalismus der Konvertiten. Natürlich steht die Neoklassik der Erklärung von Krisen hilflos gegenüber; aber hat nicht sie nicht doch dazu beigetragen, dass wir manche Probleme jetzt klarer sehen? "Der große Vorsprung, den die Nationalökonomie gegenüber allen anderen Sozialwissenschaften besitzt, ist die Existenz eines ausgefeilten und weithin akzeptierten Theoriegebäudes. Diese Theorie, die auf vereinfachenden Abstraktionen des Gleichgewichts und des rational-maximierenden Verhaltens der Wirtschaftsubjekte aufbaut und in der allgemeinen Gleichgewichtstheorie eine hohe formale Vervollkommnung erreichte, hat sich ? trotz ihrer offensichtlichen Schwächen (unzulässige Abstraktion, zu hohe Ausrichtung auf unrealistische Konkurrenzmodelle, Anlehnung an die Mechanik und Vernachlässigung von Soziologie und Psychologie) ? immer wieder als fruchtbare Ausgangs- und Koordinationsbasis für wirtschaftswissenschaftliche Überlegungen erwiesen. Gefährlich und erkenntnishemmend wird ein solches Theoriegebäude, wenn dass Denken in seinen Kategorien den Zugang zur Wirklichkeit verstellt und alle Anstrengungen darauf gerichtet werden, diese in das Schema der Theorie hineinzuzwängen." (Rothschild 1978). Nichts ist so sinnlos wie eine Landkarte im Maßstab 1:1, doch die Abstraktion darf nicht bloß erfolgen um das Modell mathematisch lösbar zu machen, sie muss zielspezifisch sein, sie darf nicht von zentralen Erklärungsmechanismen des jeweiligen Problems abstrahieren, sie muss lösungsorientiert sein, kurz: sie darf nicht gegen den gesunden Menschenverstand verstoßen. Die Analysen und Politikvorschläge vor, während und vielfach auch nach der Finanzkrise verstießen zumeist sträflich gegen diese Kriterien. Wenn Eichengreen (2009) meint "[i]t was not the economic theory to say ? the problem [was] a partial and blinkered reading", so hat dieses "partial and blinkered reading" wohl bestenfalls ein Zehntel der ökonomischen Journalpublikationen (und kaum irgendein Lehrbuch) übersehen. Die critique within the guild ist Mode geworden, die Verunsicherung within the guild hat zugenommen, aber an der Substanz hat sich wenig geändert; die Diskussion wirklich neuer Ansätze in Theorie wie Politik reicht kaum über diejenigen Zirkel hinaus, die solches auch bisher schon betrieben. Im Folgenden geht es nicht um den tausend-ersten Vorschlag zur marginalen Reform der ökonomischen Standardmodelle und ihrer Annahmen, auch nicht um eine generelle Kritik an der Neoklassik. Es geht vielmehr um die grundsätzliche Frage der Analyse und Prognose von Finanzkrisen: Ob unsere Disziplin ? Hicks lehnte es bekanntlich ab, sie als Wissenschaft zu bezeichnen ? generell geeignet ist, seltene Ereignisse, insbesondere schwere Krisen zu erklären, vorherzusagen oder gar zu verhindern, ob mit einem generellen workhorse-Modell neoklassischen, neokeynesianischen, neoaustrianischen, verhaltenstheoretischen oder auch mit irgendwelchen anderen Methoden. Sollte das nicht der Fall sein, werden wir das akzeptieren und der Politik wie der Öffentlichkeit kommunizieren müssen; es gilt dann intensiv nach anderen Wegen der Krisenbewältigung zu suchen. Tatsächlich werde ich behaupten, dass die Ökonomie schwere Finanzkrisen oder seltene Einzelereignisse im Vorhinein grundsätzlich nicht erkennen kann ? vor allem nicht rechtzeitig.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Modell, Wirklichkeit und Krise: Politische Ökonomie heute
Christian Gehrke, Richard Sturn (Hg.):
Modell, Wirklichkeit und Krise: Politische Ökonomie heute
the author
Prof. Dr. Gunther Tichy

o.Univ.-Prof. i.R., Leiter des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Hauptarbeitsgebiete: Wirtschaftspolitik, vor allem Konjunktur-, Industrie- und Technologiepolitik.

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