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Sonntag, 24. Juni 2018
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Der Werturteilsstreit

Die Äußerungen zur Werturteilsdiskussion im Ausschuß des Vereins für Sozialpolitik (1913)

"Geschichte der deutschsprachigen Ökonomie"  · Band 8

206 Seiten ·  24,80 EUR (inklusive MwSt. und Versand)
ISBN 3-89518-082-3 (Juni 1996 )

 
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Das Postulat der Werturteilsfreiheit spielt für das Selbstverständnis der modernen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften eine entscheidende Rolle. Heute - vor dem Hintergrund insbesondere ökologischer Gefahren - gerät dieses methodische Verständnis wieder in die Diskussion. "Moral" und "Ethik" sind auch für Ökonomen wieder diskutierbare Themen.

Das Postulat der Werturteilsfreiheit ist das Resultat einer Debatte, die in der deutschsprachigen Ökonomik spätestens seit 1871 um die wissenschaftliche Ausrichtung und Begründung des Fachs geführt wurde. Ihren Höhepunkt erlangte diese Auseinandersetzung 1913 im sogenannten Werturteilsstreit im Verein für Sozialpolitik.

Während bislang meist nur die Diskussionsbeiträge von Max Weber und Eduard Spranger rezipiert wurden, blieben die anderen Positionen weitgehend unberücksichtigt. Die nun erscheinende Edition gibt die 1913 lediglich als Manuskript gedruckten und nur an die Teilnehmer der Debatte versandten schriftlichen Beiträge dieser Werturteilsdebatte im Verein für Sozialpolitik vollständig wieder. In einer ausführlichen Einleitung zeigt H.H. Nau den Bezug auf zwischen dem auf die Begründung der Disziplin ausgerichteten Methodendiskurs und der Werturteilsdiskussion.

Einleitung von H.H. Nau: "Zwei Ökonomien". Die Vorgeschichte des Werturteilsstreits in der deutschsprachigen Ökonomik - Jacob H. Ebstein: Sozialpolitik und Sittlichkeit - Franz Eulenburg: Leitsätze über das Verhältnis von Wissenschaft zu Wertung - Rudolf Goldscheid: Über die Stellung des sittlichen Werturteils in der wissenschaftlichen Nationalökonomie - Ludo Hartmann: Thesen zur Werturteilsfrage - Albert Hesse: Die Werturteile in der Volkswirtschaftslehre - Otto Neurath: Über die Stellung des sittlichen Werturteils in der wissenschaftlichen Nationalökonomie - Karl Oldenberg: Werturteile - Hermann Oncken: Über die Stellung des sittlichen Werturteils in der Geschichtschreibung - Walter Rohrbeck: Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftspolitik - Joseph Schumpeter: Meinungsäußerungen zur Frage des Werturteils - Othmar Spann: Über die Stellung des Werturteils in der theoretischen Nationalökonomie - Eduard Spranger: Die Stellung der Werturteile in der Nationalökonomie - Max Weber: Bemerkungen - L. von Wiese: Zur Rundfrage über das Verhältnis der Nationalökonomie zur Volkswirtschaftspolitik und über die Geltung der sittlichen Werturteile in ihnen - Robert Wilbrandt: Zur Frage der Werturteile in der Nationalökonomie

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.1996 ()

"Der Aufsatz über den 'Sinn der Wertfreiheit' aus dem 'Logos' von 1917 gehört zu den klassischen, wie man ihn glaubt verstehen zu sollen: 'methodologischen' Schriften Max Webers. Er ging hervor aus einem von fünfzehn Gutachten, die dem 'Ausschuß' des 'Vereins für Sozialpolitik' zur internen Schlichtung des auf der Wiener Tagung von 1909 ausgebrochenen 'Werturteilsstreits' vorgelegt wurden. Der Versuch der Einigung mißlang. Nach einer hitzigen Debatte warf Weber den Anwesenden vor, sie verstünden nicht, worauf es ihm ankomme, und verließ die Sitzung. Bis heute ist der Streit nicht beigelegt, er setzt sich fort in einer wissenschaftsgeschichtlich ziemlich beispiellosen Kette von Mißverständnissen.

So dankt man Heino Heinrich Nau für eine Edition aller damals vorgelegten Gutachten: Webers berühmt berüchtigtes 'Postulat' der Wertfreiheit gewinnt so schärferes Profil. Zwar hat Eduard Baumgarten Webers umfangreiches Gutachten - es nimmt ein Drittel des Gesamttexts in Anspruch - schon vor Jahren allgemein publik gemacht, aber die Weber-Industrie hält sich obstinat an die Fassung von 1917, in der Anlaß und Motiv für Webers bockiges Insistieren auf seinem 'Postulat' ganz zurücktreten. (Auch Nau zitiert in seiner Einleitung nicht nach dem von ihm edierten Text, sondern nach der späteren Fassung, womit ihm die Pointe der Sache entgeht.) ...

Dieser Zwang, wählen zu müssen, war, wie die Gutachtenfassung uns klar vor Augen führt, für Weber das Ergebnis einer im Vergleich zur Zeit der Gründung des Vereins ('vor vierzig Jahren', wie er mehrfach wiederholt) radikal veränderten Lage. Schmoller und seine 'kathedersozialistischen' Mitstreiter mochten noch annehmen, daß, abgesehen von 'Marxisten und Manchesterleuten!', alle vernünftigen Leute sich beim Streit um sozialpolitische Maßnahmen auf eine 'gemeinsame Linie' würden einigen können. Für Weber und die 'Jüngeren' im Verein gehörte das der Vergangenheit an. Eine 'gemeinsame Linie' zu finden, Kompromisse auszuhandeln, war Sache der Politik und der Bürokratie. Die Wissenschaft konnte dabei um so weniger gewinnen und das ihr Spezifische beitragen, je mehr sie sich in die politische Linie einbinden ließ." ...



Archiv für die Geschichte der Sozialwissenschaft in Österreich, 12/1997, S. 27-29 ()

"... Die von allen Debattanten am detailliertesten behandelte Frage war die Frage nach der Stellung des sittlichen Werturteils in der Nationalökonomie. Ein nicht geringer Teil teilte die Auffassung, daß Werturteile in der Nationalökonomie durchaus berechtigt seien, weil diese für die Untersuchung der Zweck-Mittel-Relationen in wirtschaftlichen Aktivitäten unverzichtbar seien. In diese Richtung argumentierten etwa der Unternehmer Jacob Hermann Epstein, der Nationalökonom Franz Eulenburg, ebenso der Wiener Soziologe Rudolf Goldscheid und der Nationalökonom Albert Hesse. Ähnlich argumentierte der Nationalökonom Robert Wilbrandt, wobei er die hypothetische Begründung von Werturteilen billigte, jedoch ihre Dogmatisierung scharf ablehnte. Karl Oldenberg wandte sich allgemein gegen eine 'Verketzerung' von Werturteilen in der Wissenschaft. Josef Schumpeter votierte für größte Zurückhaltung im Gebrauch von Werturteilen, hielt jedoch eine prinzipielle Verständigung über Werturteile für möglich, vorausgesetzt, die unterschiedlichen Bedeutungen, die ein Werturteil haben kann, würden scharf voneinander getrennt. Hermann Oncken ging davon aus, daß Werturteile in der Geschichtsschreibung im Hintergrund zu bleiben hätten, stellte zugleich jedoch fest, daß eine Geschichtsschreibung ohne Berücksichtigung individueller (Wert )Urteile undenkbar wäre. ... Daß der ausführlichste und differenzierteste Beitrag von Max Weber selbst stammte, verwundert nicht, wenn man an dessen vehementes Eintreten für eine richtig verstandene Behandlung von praktisch politischen Wertungen denkt. Weber wandte sich scharf gegen jede Form des Gesinnungsdrucks, der aus Professoren offiziell beglaubigte Propheten mache. Als einziger der Debattanten stellte Weber das Problem der Werturteile in der Wissenschaft in einen Zusammenhang mit der Frage des Berufsethos von Wissenschaftlern.

In Summe bieten die Diskussionsbeiträge einen ausgezeichneten Einblick in die breite Streuung der innerhalb des 'Vereins für Sozialpolitik' vertretenen Positionen, und darin liegt das Verdienst von Naus Edition. Für weitere Untersuchungen über die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften dürfte diese Edition jedoch allemal ein unverzichtbarer Band werden. ... Darüber hinaus bietet er - nicht nur nebenbei - auch einiges an relevantem Material für wissenschaftshistorische Untersuchungen über die Schwierigkeiten in der Professionalisierung der Soziologie."




Der Autor
Prof. Dr. Max Weber
Max Weber

* 21. April 1864 in Erfurt; † 14. Juni 1920 in München, Jurist, Nationalökonom und Soziologe. Er ist der Bruder des Kultursoziologen Alfred Weber und Ehemann von Marianne Weber. Er gilt als einer der wesentlichen Begründer der Soziologie als Wissenschaft.

dem Verlag bekannte Rezensionen
  • "So dankt man Heino Heinrich Nau für eine Edition aller damals vorgelegten Gutachten: Webers berühmt berüchtigtes 'Postulat' der Wertfreiheit gewinnt so schärferes Profil." ...
    Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.1996 mehr...
  • Zeitschrift für Politikwissenschaft 1/1997, S. 369
  • Soziologische Revue, 1997, S. 273-281 (Sammelbesprechung)
  • Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, 83/4 1997, S. 584-591 (Sammelbesprechung)
  • "In Summe bieten die Diskussionsbeiträge einen ausgezeichneten Einblick in die breite Streuung der innerhalb des 'Vereins für Sozialpolitik' vertretenen Positionen" ...
    Archiv für die Geschichte der Sozialwissenschaft in Österreich, 12/1997, S. 27-29 mehr...
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