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Friday, August 23, 2019
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Der deutsche Kameralismus und das Staatsverständnis im russischen ökonomischen Denken des 19. Jahrhunderts
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Der deutsche Kameralismus und das Staatsverständnis im russischen ökonomischen Denken des 19. Jahrhunderts

24 Seiten · 4,35 EUR
(Juni 2006)

 
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Aus der Einleitung:

Die Rolle des Staates im Wirtschaftsprozeß ist eines der zentralen Probleme der Wirtschaftswissenschaft. Die besondere Aufmerksamkeit, die die russischen Ökonomen diesem Problem im hier betrachteten Zeitraum schenkten, hatte auch damit zu tun, daß die Bedeutung des Staates in wirtschaftlicher, politischer und moralischer Hinsicht in Rußland traditionell größer war als im westlichen Europa. Der entscheidende Grund dafür war, daß das Land eine gegenüber Westeuropa nachholende Entwicklung durchlief. Dies hatte es mit Deutschland gemein, und so ist es kein Zufall, daß auch dort dem Staat eine wichtigere Rolle für die Entwicklung des Landes als in England und in Frankreich zukam. Zwar war es die gemeinsame Ansicht beinahe aller Merkantilisten, den Staat in den Mittelpunkt der wirtschaftlichen Überlegungen zu stellen, aber die Kameralisten taten dies radikaler als ihre französischen und englischen Kollegen. Hierin sehen wir den entscheidenden Grund dafür, warum das kameralistische Denken in Rußland als sehr aktuell empfunden wurde und dort sogar noch bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein intensiv rezipiert wurde. Wie im folgenden deutlich werden wird, vermischten sich in der russischen Ökonomik des 19. Jahrhunderts das kameralistische Denken und der Einfluß der klassischen Lehre auf eine Weise, wie dies sonst nirgends in Europa zu beobachten war.

Die prä-sowjetischen Historiographen der russischen Wirtschaftswissenschaft (zum Beispiel V.V. Svjatlovskij oder V.S. Ikonnikov) betrachteten den Einfluß des deutschen Kameralismus in Rußland in erster Linie im Hinblick auf die akademische Lehre. Entsprechend neigten sie dazu, seine Bedeutung für die Forschungstätigkeit russischer Wirtschaftswissenschaftler zu vernachlässigen. In der sowjetischen Periode wurde der Kameralismus, Marx folgend, als ein „Mischmasch von Kenntnissen, deren Fegfeuer der hoffnungsvolle [3. und 4. Aufl.: „hoffnunglose“] Kandidat deutscher Bürokratie zu bestehn hat“ (Marx [1873] 1975, 19), abgetan. Das war der wohl entscheidende Grund dafür, daß Autoren wie I.I. Rubin (1930, 31), I.G. Bljumin (1940, 45; 49) und V.M. Štejn (1948, 5; 28) den Einfluß des deutschen Kameralismus auf das russische ökonomische Denken nur am Rande erwähnten. In der Literatur zur Geschichte der russischen Statistik wurde dem Einfluß des deutschen Kameralismus mehr Aufmerksamkeit zuteil. Dies ist darauf zurückzuführen, daß die Entstehung der russischen Statistik untrennbar mit der der deutschen beschreibenden Statistik verbunden ist. Auf diesen Umstand hat schon eine ganze Reihe von Autoren – genannt seien hier nur der bereits erwähnte Svjatlovskij (1906, 163; 169) sowie B.G. Ploško und I.I. Eliseeva (1990, 82 f.) – hingewiesen. Und der Einfluß, den der deutsche Kameralismus speziell auf die Methodologie der russischen Statistiker hatte, wurde von A.A. Kaufman (1922, 1) und M.V. Ptucha (1955, Bd. 1, 216) detailliert untersucht. Dieser kurze Rückblick auf die Literatur zeigt, daß der Einfluß des deutschen Kameralismus auf die Ansichten russischer Ökonomen über das Verhältnis von Wirtschaft und Staat bisher nicht systematisch untersucht worden ist, obwohl es sich hierbei um eine gerade für die Entwicklung der russischen Wirtschaftswissenschaft zentrale Fragestellung handelt.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Deutsche und russische Ökonomen im Dialog
Heinz Rieter, Leonid D. Sirokorad, Joachim Zweynert (Hg.):
Deutsche und russische Ökonomen im Dialog
the author
Nadežda N. Michajlova

Jg. 1983, Doktorandin am Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie an der Staatlichen Universität St. Petersburg. Forschungsschwerpunkt: Geschichte der ökonomischen Theorie.