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Wednesday, March 20, 2019
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Eigene Entscheidungen und das Wissen der anderen
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Eigene Entscheidungen und das Wissen der anderen

Multiple Risikoreflexion und strukturelle Kopplungen bei Private Equity-Investitionen

28 Seiten · 5,79 EUR
(Januar 2008)

 
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Aus der Einleitung:

Die systemtheoretische Rekonstruktion der Wirtschaft betrachtet dieses Teilsystem der funktional differenzierten Gesellschaft als Sonderfall sozialer, das heißt kommunikativer Systeme. Die Wirtschaft wird von anderen Sozialsystemen unterscheidbar durch ihre spezifische Leitdifferenz Zahlung/Nichtzahlung. Die Funktion der Wirtschaft innerhalb der Gesellschaft ist die sachliche, zeitliche und soziale Regulierung der Bewältigung von Knappheit. Als generalisiertes Kommunikationsmedium des Funktionssystems Wirtschaft hat sich Geld durchgesetzt. Durch Geldgebrauch wird Kommunikation als wirtschaftliches Geschehen erkennbar: „Man gibt nicht in Ausführung einer sozialen Verpflichtung zur Reziprozität, man hilft nicht als Nachbar, man arbeitet nicht in der frommen Gesinnung, dadurch dem Willen Gottes zu dienen. Man lässt sich bezahlen“. Aber Zahlungen werden nur angenommen, weil der Zahlungsempfänger sich darauf verlassen kann, dass die Ökonomie ihm Weitergabemöglichkeiten – systemtheoretisch abstrakt: kommunikative Anschlüsse – für das eingenommene Geld sichert. So operiert die Wirtschaft als geschlossenes, autopoietisches System. Mit der operativen Geschlossenheit des Systems geht seine Offenheit gegenüber der Umwelt einher: Nur, wenn es Gründe für Zahlungen gibt, sind jeweils Anschlussoperationen im System gesichert. Die Wirtschaft bezieht die Gründe für Zahlungen primär aus ihrer Umwelt, indem Güter und Dienstleistungen zur Befriedigung von Bedürfnissen gehandelt werden. Auch die von Niklas Luhmann als „Eigenbedürfnisse“ der Wirtschaft identifizierten Sekundärbedürfnisse an Energie, Material und Arbeitsleistung rufen letztlich Umweltbezüge auf. Diese Verhältnisse von Selbst- und Fremdreferentialität beschreiben das, was (mit einer gewissen Betonung der Fremdreferenz) als Realökonomie bezeichnet wird. In der Realökonomie geht es um die Bearbeitung von Knappheit an Gütern und Dienstleistungen durch Entscheidungen über Zahlungen. Dabei sind Zahlungen Ereignisse, die sofort verschwinden. Die Autopoiesis der Zahlungen verläuft im zeitlichen Nacheinander. Wie alle Sozialsysteme ist die Wirtschaft ein temporalisiertes System und dadurch in der Lage, ihre Komplexität nicht nur besser zu handhaben, sondern darüber hinaus auch zu steigern. Ausdruck dieser Temporalisierung sind Entscheidungen, die in der Gegenwart getroffen werden, um heutige Zahlungen mit in der Zukunft liegenden Knappheitssituationen zu verknüpfen. Dies ist ein mehr oder weniger bei jeder Entscheidung mitlaufender Aspekt, da nur die Regenerierbarkeit von Zahlungsmitteln zukünftige geldvermittelte Knappheitsbewältigung erlaubt. Unternehmen nehmen die den Erlösen regelmäßig zeitlich vorauslaufenden Kosten nur dann auf sich, wenn in der Zukunft mit einem entsprechenden Rückfluss (vermehrt um ausreichenden Gewinn) gerechnet werden kann. Besonders einschlägig sind natürlich Entscheidungen über Sparen und Investieren. Wer spart, entscheidet sich gegen Zahlungen heute in der Erwartung, seine Ersparnisse in der Zukunft für bessere oder notwendigere Transaktionen einsetzen zu können. Wer investiert, entscheidet sich für Zahlungen heute in der Erwartung, durch eine Verzinsung des investierten Kapitals zukünftig mehr Geld ausgeben zu können. Die dadurch mögliche Einbeziehung von Zukunft in wirtschaftliche Operationen beinhaltet ein nicht zu überschätzendes Potential für Komplexitätssteigerung.

Investitionen lassen sich zunächst in realwirtschaftliche Transaktionen umsetzen, indem man Zahlungen für Sachanlagen, etwa Maschinen und Anlagen oder Gebäude leistet. Und unabhängig von der buchhalterischen Abbildung gilt der Zusammenhang auch für ‚investiven Aufwand‘ für die Qualifikation von Mitarbeitern oder die Entwicklung neuer Produkte. Dabei und im laufenden Betrieb eines Unternehmens, bei dem es nicht um Investitionen, sondern um Kosten geht, werden jeweils Güter oder Dienstleistungen einschließlich Arbeitsleistungen heute erworben, um durch ihre Nutzung im Zeitablauf Zahlungsfähigkeit zu regenerieren, die über die ursprünglich aufgegebene Zahlungsfähigkeit hinaus zu einem Gewinn führt. Entscheidungen über derartige Sachverhalte sind Kern betriebswirtschaftlicher Unternehmensführung. Wilhelm Rieger beschreibt den Betrieb daher als „eine Einrichtung, die Geld verbraucht, um Geld zu erzeugen“ (Rieger 1964, 155). Dass derartiger Geldverbrauch zunächst die Verfügung über Geld erfordert, ist Grund für das Tertiärbedürfnis der Wirtschaft nach Geld als Investitionsmittel, für Finanzierungsbedarf (vgl. Benner 1983, 280-303).


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Kognitiver Kapitalismus
Hanno Pahl, Lars Meyer (Hg.):
Kognitiver Kapitalismus
the author
Tobias Schulz-Isenbeck
Tobias Schulz-Isenbeck

Geschäftsführer der Verlagsgruppe Handelsblatt (VHB) in Düsseldorf