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Entwicklungsländer und Weltmarkt

Jahrbuch Ökonomie und Gesellschaft 4

"Jahrbuch Ökonomie und Gesellschaft"  · Band 4

260 Seiten ·  29,80 EUR (inklusive MwSt. und Versand)
ISBN 978-3-89518-984-5 (Januar 1986 )

 
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Dieter Senghaas:
Entwicklungsstrategie und Außenwirtschaft - Europas Entwicklung und die Dritte Welt
Klaus Dorner:
Protektionismus und ökonomische Entwicklung
Manfred Nitsch:
"Tödliche Hilfe"? Zur Modifikation der Außenwirtschafts- und Entwicklungstheorie durch die Einbeziehung des Verhaltens von Entwicklungsbürokratien
Thomas Ziesemer:
Theoretische Ansätze zur Erklärung der Verschuldungskrise in Entwicklungsländern
Hajo Riese:
Entwicklungsstrategie und ökonomische Theorie - Anmerkungen zu einem vernachlässigten Thema
Hans-Joachim Stadermann:
Verteidigung und Verlust monetärer Autonomie in einem Multiwährungssystem mit Leitwährung
Rasul Shams:
Internationale Währungsbeziehungen und Verschuldung der Entwicklungsländer

Editorial

Der kritische Anspruch, den sich das Jahrbuch Ökonomie und Gesellschaft setzt, lädt geradezu zu einer Behandlung eines Themas ein, das sich mit der ökonomisch-theoretischen Fundierung der Beziehungen zwischen den Entwicklungsländern und dem (von den Industrieländern dominierten) Weltmarkt beschäftigt. Denn noch stärker als bei anderen Bereichen der ökonomischen Theorie stellt sich bei der Entwicklungstheorie die Frage, ob die Orthodoxie, wie sie sich in der herrschenden Interpretation insbesondere der neoklassischen und keynesianischen Ökonomie manifestiert, der Erfassung des Erfahrungsobjekts "Wirtschaften" eine angemessene theoretische Grundlage liefert.

Anders als beispielsweise die Preistheorie und die sie begründende Theorie des Allgemeinen Gleichgewichts, der auch Kritiker nicht das Epitheton verweigern, ein vollendetes Gebäude zu präsentieren, ist die Entwicklungstheorie ein Torso geblieben, der keineswegs dem Anspruch genügt (und ihn nicht einmal erhebt), eine allgemeine Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung zu liefern.

Die Gründe für dieses Forschungsdefizit sind nicht schwer zu finden: Die Entwicklungstheorie stellt sich als eine Theorie der Überwindung von Unterentwicklung dar, die sich ausschließlich auf Entwicklungsländer bezieht. Damit betont sie das strategische Moment ökonomischer Entwicklung. Das aber hindert sie daran, eine Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung zu sein, deren allgemeine Fundierung eine spezielle Anwendung auf Entwicklungsländer ermöglicht. Sie verschließt sich somit einer - im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichneten - positiven Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Vielmehr postuliert sie eine Teleologie der Entwicklung, für die die Industrieländer das Abgrenzungskriterium wie die Referenzgröße bilden.

Angesichts dieses Umstandes kann es nicht erstaunen, daß die Entwicklungstheorie, wie ihre Ausformung im einzelnen auch immer sein mag, eine überaus weiche (wert-)theoretische Grundlage aufweist. Diese beschränkt sich im wesentlichen auf die Theorie der internationalen Arbeitsteilung, wie sie Ricardos Theorem des komparativen Vorteils und das Heckscher-Ohlin-Theorem formulieren, und auf die Wachstumstheorie neoklassischer und (bezogen auf die Kapitalakkumulation) keynesianischer Provenienz. Sie aber beschreiben, wie immer man ihren entwicklungstheoretischen Stellenwert im einzelnen beurteilen mag, gerade nicht die Bedingungen, die die Entwicklungsdynamik ausmachen - und können damit auch nicht mangelnder Entwicklung als Norm dienen. Damit aber genügt die Entwicklungstheorie methodisch nicht einmal den Ansprüchen, die beispielsweise Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung stellt.

Dieses methodische Defizit erleichtert naturgemäß die Kritik der Entwicklungstheorie. Es erleichtert - aus einer methodologischen Perspektive - deshalb die Kritik, weil sich anders als bei der Preistheorie der Kern der Theorie nicht mehr ausschließlich an einem Gegenentwurf messen läßt, sondern einer immanenten Kritik fähig ist. Das ist die Konsequenz des Umstandes, daß die Entwicklungstheorie anders als die Preistheorie über keinen "harten Kern" (im Sinne von Lakatos) verfügt. Als Illustration: Während nicht bestreitbar ist, daß die Theorie des Allgemeinen Gleichgewichts eine Preistheorie liefert, ist durchaus bestreitbar, ob die Theorie der internationalen Arbeitsteilung und die Wachstumstheorie überhaupt Entwicklungstheorien begründen.

Dadurch weist die Kritik ein weitgefächertes Spektrum auf, erhält, genauer gesagt, auch dort Berechtigung, wo sie sonst aus den oben skizzierten methodologischen Erwägungen zu verwerfen wäre. Die Breite der Kritik dokumentieren die Beiträge dieses Jahrbuchs. Die Kritik reicht vom fragwürdigen Realitätsgehalt der Theorie, der sich in diesem Fall nicht allein auf das Spannungsverhältnis von Theorie und Realität reduzieren läßt (Dorner), über die Beobachtung politisch-institutioneller Restriktionen einer (wachstumsstrategisch orientierten) Entwicklungshilfe (Nitsch) und den Konsequenzen der Integration importierter Kapitalgüter in die herrschende Wachstumstheorie für das Verschuldungsproblem (Ziesemer) bis zur Problematisierung der Orthodoxie im Lichte der Funktionsbedingungen einer Geldwirtschaft - in ihren grundsätzlichen Aspekten (Riese) wie im Hinblick auf die Politik der Währungssicherung der Industrieländer (Stadermann) und den internationalen Währungsbeziehungen (Shams).

Aber die Kritik wird nicht nur leichter, sondern unterliegt auch der Gefahr, beliebiger zu werden. Das liegt gleichsam in der Natur einer Sache, die keinen "harten Kern" aufweist. Diese Gefahr wird jedoch dadurch vermieden, daß sich die Kritik an der (theoretischen) Existenz einer Abhängigkeit der Entwicklungsländer von den Industrieländern und von dem von ihnen dominierten Weltmarkt orientiert.

Das Defizit der Entwicklungstheorie läßt sich damit auf den Punkt bringen, daß sie den Topos "Abhängigkeit" nicht thematisiert, genauer gesagt, ihr keine theoretische Fundierung von Abhängigkeitsverhältnissen gelingt, die sie in die Lage versetzen würde, die ökonomischen Mechanismen aufzudecken, die eine Abhängigkeit der Entwicklungsländer von den Industrieländern bewirken. Unter diesen Umständen kann es nicht verwundern, daß sich in den 60er Jahren mit der Dependenztheorie ein Gegenentwurf zur Orthodoxie herausbildete, der deren Entwicklungsoptimismus Paroli bot.

Aber die Dependenztheorie ist eine sozialwissenschaftliche Theorie geblieben, besteht, besser gesagt, aus einem Spektrum sozialwissenschaftlicher Theorien mit sozioökonomischen Elementen, die keine ökonomisch-theoretische Fundierung aufweisen. Dadurch erhält das vorliegende Jahrbuch eine Doppelfunktion: neben der Funktion, Abhängigkeit in einen ökonomisch-theoretischen Kontext zu stellen zugleich die Funktion, die ökonomische Theorie für die Dependenztheorie fruchtbar zu machen.

Dabei bestätigt sich auch hier die alte Erkenntnis, daß nicht das populäre Postulat einer interdisziplinären Forschung (angesichts der Komplexität des Erkenntnisobjekts "Entwicklung"), sondern die Kritik der disziplinären Grundlagen (angesichts einer ungenügenden theoretischebn Erfassung des Erkenntnisobjekts "Entwicklung") den eigentlichen Schlüssel bildet. Interdisziplinäre Forschung setzt einen "harten" disziplinären Kern voraus, auf den sie bauen kann.

Deshalb läßt sich gerade die jüngere dependenztheoretische Diskussion für die ökonomische Entwicklungstheorie fruchtbar machen. Indem sie sich auf das Vorbild "Europa" beziehend, die generellen sozioökonomischen Bedingungen für Entwicklung thematisiert, weist sie zugleich auf die Notwendigkeit einer ökonomischen Theorie der Entwicklung hin, die die Mechanismen der Entwicklungsdynamik herausarbeitet. Senghaas' Beitrag über "Europa und die Dritte Welt", in dem er den Zusammenhang zwischen Entwicklungsstrategie und Außenwirtschaft herausarbeitet, liefert deshalb gerade dadurch, daß er aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive geschrieben ist, der ökonomischen Theorie das Programm.

Wie sehr sich dabei der Topos "Abhängigkeit" in eine ökonomische Theorie der Entwicklung integrieren läßt, zeigen die einzelnen Beiträge: direkt bei Nitsch anhand von Fallbeispielen dadurch, daß Entwicklungshilfe durch die Entwicklungsbürokratien ihres entwicklungsstrategischen Moments verlustig geht; desgleichen bei Riese als Kritik der herrschenden Entwicklungstheorie; indirekt bei Dorner an der Propagierung eines Protektionismus, der sich auf das Abwägen von statischen Verlusten und dynamischen Gewinnen gründet; desgleichen bei Ziesemer durch die Ableitung der Verschuldungskrise der Entwicklungsländer aus ihrem Kapitalgüterimportbedarf; ebenso bei Stadermann als Folge einer Kritik der Devisenbewirtschaftung, die zu Kapitalflucht und Etablierung eines grenzüberschreitenden Schwarzmarktes führt; und last, but not least, bei Shams angesichts der Funktionsbedingungen eines Weltwährungssystems, das die Verschuldung der Entwicklungsländer fördert und ihnen die Hauptlast der Anpassungskosten aufbürdet.

Dabei läßt sich das generelle Resümee ziehen, daß Entwicklung allgemein die Überwindung einer Abhängigkeit verlangt, die die Entwicklung behindert. Dadurch werden Exportstrategien, die zur Herstellung weltmarktfähiger Produkte führen, und die Schaffung eines Binnenmarktes, durch den sich eine kaufkraftfähige Nachfrage entfalten kann, zu konstitutiven Merkmalen ökonomischer Entwicklung. Senghaas weist gerade in diesem Zusammenhang auf das Vorbild des Europas des 19. Jahrhunderts - als Fall nachholender Entwicklung gegenüber England - für die Entwicklungsländer hin und bezieht sich dabei (an anderer Stelle) auf die Ökonomen Friedrich List und Walther G. Hoffmann: auf List, der zeigte, daß Protektionismus die notwendige Bedingung von nachholender Industrialisierung (und damit der Herstellung weltmarktfähiger Produkte) darstellt, auf Hoffmann, der zeigte, daß sich Industrialisierung über die Bildung von Konsumgüterindustrien, die Binnenmärkte entstehen läßt, vollzieht.

Damit werden die Konturen einer allgemeinen Theorie ökonomischer Entwicklung deutlich, die sich mit dem Rekurs auf Europa zugleich auch auf Entwicklungsländer anwenden läßt. Dieses Jahrbuch erfüllt seinen Zweck, wenn es dem Ausbau einer solchen Theorie den Boden bereitet.