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Thursday, August 22, 2019
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Ernährung als Dimension sinnlicher Erfahrung
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Ernährung als Dimension sinnlicher Erfahrung

Für eine Alphabetisierung sinnlicher Wahrnehmung und eine Kritik der Ökonomie

24 Seiten · 4,35 EUR
(Mai 2008)

 
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Aus der Einleitung:

Die Ernährung des Menschen gehört zu dem Selbstverständlichsten tagtäglicher Tätigkeiten. Wenn sich der Mensch ernährt, isst und trinkt er. Vor allem in der Feinheit der Techniken, mit denen er seine Nahrung vorbereitet, zubereitet und aufnimmt, unterscheidet er sich von den Tieren, die in roher Weise fressen und saufen. Das Tier gehört schon seiner Physiognomie wegen (Fell, Schuppen, Gefieder, Schwanz, Huf, Flosse etc.) in die Natur. Seine Art zu fressen, kennt keine ästhetische Veredelung, sondern nur das Ziel, dem Hunger ein schnelles aber möglichst lustvolles Ende zu setzen. Der essende Mensch stellt sich selbst außerhalb der Natur, und zwar auch dann (und oft insbesondere), wenn er einem so naturbedingten Bedürfnis nachkommt, wie seinen Hunger zu stillen. Damit gliedert er sich – als biologisches Wesen – aus dem Bereich der Natur aus. Kraft seiner Fähigkeit zur Kultur setzt er sich in seinen Naturbeziehungen in eine Sonderrolle. Diese Konstruktion der eigenen Rolle (nicht innerhalb, sondern) in Beziehung zur Natur spiegelt sich selbst in zahllosen wissenschaftlichen Modellen zum Stoffwechsel „zwischen“ Mensch und Natur (dichotomisch) wider.

Der Mensch isst zwar aus kulturellen Gründen das eine weniger gern als das andere, was auf die Virulenz eines gleichsam tierisch-archaischen Geschmackssinns hinweist. Von den Tieren unterscheidet sich der Mensch darin, dass er es seiner Kultur schuldig zu sein glaubt, sich unter bestimmten Umständen selbst zu solchen Speisen hingezogen zu fühlen, die individuell nur als mäßig schmeckend oder gar als abstoßend empfunden werden. Austern oder Schnecken mag gegen ein in unserer Kultur verbreitetes Ekelgefühl scheinbar genießend nur zu verzehren, wer gelernt hat, selbst die sinnlich unmittelbarsten Impulse noch unter die Herrschaft kulturell gezüchteter Interessen oder (Selbst-) Disziplinierungen zu stellen. Die Ernährung bietet sich als habituelles Feld symbolischen Handelns an. Neben den Stilen des Essens sind es auch die „Philosophien“ der Ernährung, die in Verbindung mit der repräsentationsorientierten Darstellung sozialer Praktiken gruppenbezogene Inklusion oder Exklusion bedeuten können. Innerhalb der Ernährungspraktiken fungieren besondere Gruppen von Nahrungsmitteln wie Medien der Bildung soziokultureller Cluster, die ein- oder ausgrenzende Effekte bekräftigen, verstärken oder aber auch relativieren können.

Indes dürfte nicht zu bestreiten sein, dass neben dem Tier auch der Mensch (als Sondertier) insofern isst und trinkt wie das Vieh säuft und frisst, als er darin – wie das Tier – einem Bedürfnis der eigenen Natur folgt. Dann will er in erster Linie satt werden und seinen Durst stillen. Besonders in solchen Situationen wird der unhintergehbar sinnliche Charakter der Ernährung offensichtlich.

Es scheint das Selbstverständlichste zu sein, dass wir in unserer Ernährung sinnliche Erfahrungen machen. Ich gehe dennoch vom Gegenteil aus. Im Unterschied zu wissenschaftlichen Begriffssystemen und Sprachroutinen, wonach „Erfahrung“ als Kategorie höchster Kontingenz für nahezu alles steht, was in irgendeiner Weise das subjektive Erleben tangiert, gehe ich auf geisteswissenschaftliche Denktraditionen zurück, wonach Erfahrung als eine Form der nach–denkenden Be–SINN–ung gedacht wurde, die sich deutlich vom Mitsein in sinnlich-gefühlsmäßigen Situationen unterscheidet. Die Frage, was wir warum zu einem Gegenstand der Erfahrung machen, beantwortet sich nicht aus der Logik von Ernährungsgegenständen, sondern verlangt eine Rekonstruktion kultureller Voraussetzungen dessen, was sich mit dem Begriff der Ernährung verbindet. Diesseits normativ-pädagogischer Erfahrungs-Empfehlungen will ich der Frage nachgehen, unter welchen Bedingungen Ernährung gleichsam aus sich selbst heraus zu einem Gegenstand sinnlicher Erfahrung werden könnte.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Ernährung, Kultur, Lebensqualität – Wege regionaler Nachhaltigkeit
Irene Antoni-Komar, Reinhard Pfriem, Thorsten Raabe, Achim Spiller (Hg.):
Ernährung, Kultur, Lebensqualität – Wege regionaler Nachhaltigkeit
the author
Prof. Dr. Jürgen Hasse
Jürgen Hasse

Seit 1993 Univ.Prof. am Institut für Humangeographie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Arbeitsschwerpunkte: Raum- und Umweltwahrnehmung, Ästhetik, Mensch-Natur-Verhältnisse, Phänomenologie und Geographie.