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Tuesday, April 23, 2019
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Evolution, Institution und Reformverhalten - oder warum Reformen oftmals keine sind
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Evolution, Institution und Reformverhalten - oder warum Reformen oftmals keine sind

38 Seiten · 4,87 EUR
(März 2008)

 
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Aus der Einleitung der Herausgeber:

Es ist eine oft gehörte Klage in Ökonomenkreisen, dass wichtige volkswirtschaftliche Probleme unserer Zeit theoretisch zwar gelöst sind, der wissenschaftliche Rat aber, gerade was Reformen angeht, weder in der politischen Praxis noch in der öffentlichen Meinung Gehör findet. Gutachten und Fachpublikationen fristen so oft ein ungelesenes Dasein in den Schubladen der Referenten in Politik und Verwaltung. Dieses Problem fußt, zumindest zum Teil, auf der heroischen Annahme einer intersubjektiven Identität zwischen Berater und Klient bei der Wahrnehmung und Diagnose von Reformdefiziten. Im Gegensatz hierzu verweist die Beratungsforschung gerade auf asymmetrische Wahrnehmungsprozesse zwischen Berater und Klient, die für Umsetzungsdefizite in zentraler Weise verantwortlich sind. Die Autoren stellen daher die Frage: Welche verhaltenswissenschaftlichen Mechanismen führen zu asymmetrischen Wahrnehmungsprozessen, die in der Folge eine nur schwache Reformbereitschaft politischer Akteure implizieren? Hierzu werden zunächst der Begriff der Institution sowie Fragen seines Wandels anvisiert. Institutionen spielen in Bezug auf Reformen eine herausragende Rolle, da man einerseits Reformen als zielgerichtete Veränderung bestehender Institutionen begreifen kann, und andererseits Institutionen das Verhalten von Individuen, also somit auch Reformverhalten, beeinflussen. Der vorliegende Beitrag folgt hierbei dem Institutionenverständnis von Douglass C. North, der innerhalb einer institutionellen Ordnung zwischen kodifizierten formgebundenen Beschränkungen und unkodifizierten formlosen Beschränkungen differenziert. Zur letzteren Kategorie zählt North auch interpersonell geteilte Wahrnehmungsmodelle, so genannte Shared Mental Models, die im Rahmen des Beitrags eine zentrale Rolle einnehmen. Grundsätzlich entsteht nun Reformbedarf, da sich formgebundene Institutionen in einer dynamischen Umwelt manifestieren. Die Umweltbedingungen entwickeln sich hierbei normalerweise in einem stetigen und wenn überhaupt nur in Maßen kontrollierbarem Prozess, aufgrund dessen auch grundsätzlich ein ständiger Reformbedarf besteht. Zur Erklärung der Abwesenheit eines solchen permanenten Verbesserungsprozesses skizzieren die Autoren ein ökonomisches Modell unter Berücksichtigung von Transaktionskosten als Benchmark, in dessen Rahmen Kosten und Nutzen einer Reform die optimale Reformreichweite und -frequenz bedingen. Ein Blick in die Realität legt hingegen nahe, dass Reformprojekte weder was ihre Reichweite, noch was ihre Frequenz betrifft diesem Optimalitätsgedanken Rechnung tragen, sondern zu jeweils anderen Zeitpunkten angestoßen werden, wenn zum Beispiel im Rahmen eines Rentenversicherungssystems zunehmende Beiträge und sinkende Auszahlungen ein Ausblenden der Anpassungsproblematik unmöglich machen. Dass Reformen, zumindest aus der Perspektive wirtschaftswissenschaftlicher Experten, weder was ihre Reichweite, noch was ihre Frequenz angeht, im erwünschten Maße erfolgen, wird auf die Wahrnehmung und das Verhalten der verschiedenen Akteure auf dem „Markt“ für Informationen zurückgeführt. Mit dem „Markt“ für Informationen bezeichnen die Autoren den Ort des Zusammentreffens von Anbietern und Nachfragern von Informationen; dieser Markt stellt also die kommunikative Schnittstelle zwischen dem Sender und dem Empfänger von Informationen dar. Auf dem „Markt“ für politisch relevante Informationen gibt es eine Vielzahl von Akteuren wie Bürger, Bürokraten, Politiker, Berater und Vertreter der Medien, die als Anbieter, Nachfrager oder in beiden Rollen agieren. Dabei bestimmen gruppenspezifische Wahrnehmungsmodelle, eben Shared Mental Models als formlose Institutionen die wahrgenommenen Informationen, auf denen das individuelle Rationalkalkül der einzelnen Akteure fußt. Wahrnehmung und Verhalten weichen hierbei systematisch vom Verhalten des homo oeconomicus ab.

Dieses vom ökonomischen Standardmodell abweichende Verhalten von Akteuren auf dem „Markt“ für politisch relevante Informationen ist zumindest teilweise auf eine systematische Wahrnehmungsschwäche zurückzuführen, die einerseits durch die Beschränktheit der Rationalität im Sinne Simons und andererseits und speziell durch das Streben nach intrapersoneller Konsistenz bedingt ist. Zusätzlich zum wahrnehmungsinduzierten Verhaltens-Bias via intrapersoneller Konsistenz weicht das Verhalten systematisch aufgrund des Strebens nach interpersoneller Konformität ab. Diese systematische Wahrnehmungsschwäche und Verhaltensabweichung führt dazu, dass auf dem „Markt“ für politisch relevante Informationen wesentlich weniger handlungs- und somit reforminduzierende Informationen effektiv werden, als es zumindest aus Sicht wirtschaftswissenschaftlicher Experten wünschenswert wäre. Göbel und Thomas bieten mit der vorgestellten Systematik darüber hinaus also auch einen Ansatz zur Verbesserung des Beratungsprozesses durch wissenschaftliche Experten. Da Individuen grundsätzlich die Welt mit gruppenspezifischen Wahrnehmungsmodellen wahrnehmen, empfiehlt es sich, dass effektive Maßnahmen wie Reformaktivitäten nicht nur an der Beeinflussung der „wahren“ Welt ansetzen, sondern zielführender an dem sozialen Konstrukt der wahrgenommenen Welt. Die wahrgenommene Welt stellt also einen Zugang wirksamer Politikberatung dar. Möchten die Wirtschaftswissenschaften an politischer Relevanz gewinnen, so reicht es nicht, State-of-the-Art-Lösungsansätze zu generieren, sondern der wissenschaftliche Rat muss zusätzlich auf Shared Mental Models der politischen Akteure fokussiert werden. Dieser Ansatz würde verhindern, dass die wirtschaftwissenschaftliche Beratung in ihrer kommunikativen Selbstbezüglichkeit, von Luhmann als Autopoiesis bezeichnet, verharrt. Unterbleibt hingegen der Blick über den disziplinären wie bezugsgruppenspezifischen Tellerrand, so ist es nur verständlich, dass beim Wissenstransfer, etwa durch volkswirtschaftliche Gutachten, auch noch so ausgefeilte Reformempfehlungen der „rhetoric of application“ des politischen Systems zum Opfer fallen. Der Beitrag versteht sich mithin nicht als Alternativkonzept zu den bestehenden Ansätzen zur Erklärung von Reformwiderständen, die zum Beispiel im Rahmen der Neuen Politischen Ökonomie geboten werden, sondern empfiehlt in Ergänzung zu bestehenden Konzepten die Fokussierung auf die (sozial-)psychologischen Determinanten individueller Wahrnehmung und individuellen Verhaltens.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
the authors
PD Dr. Markus Göbel
Markus Göbel

Institut für betriebliche Logistik und Organisation, Helmut-Schmidt-Universität, Universität der Bundeswehr Hamburg; Hauptarbeitsgebiete: Organisations- und Managementtheorien, Unternehmenssteuerung, New Public Management, Personalforschung.

Dr. Tobias Thomas
Tobias Thomas

Institut für Finanzwissenschaft, Helmut-Schmidt- Universtität, Universität der Bundeswehr Hamburg; Hauptarbeitsgebiete: Behavioral Economics, Neue Politische Ökonomie, Wirtschaftswissenschaftliche Politikberatung.

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