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Wednesday, August 21, 2019
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Gerechtigkeit im Alten und Neuen Testament und sozialethische Konsequenzen für die Gegenwart
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Gerechtigkeit im Alten und Neuen Testament und sozialethische Konsequenzen für die Gegenwart

31 Seiten · 5,78 EUR
(Mai 2006)

 
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Aus der Einleitung von Hans G. Nutzinger:

Der evangelische Theologe Jochen Gerlach untersucht „Gerechtigkeit im Alten und Neuen Testament und sozialethische Konsequenzen für die Gegenwart“. Im Anschluss an Gerhard von Rad betont er die zentrale sozialgestaltende Rolle von Gerechtigkeit in der jüdischen Gemeinschaft und damit ein Verständnis der biblischen „sedaqā“, das sich explizit von einem engen rechtswissenschaftlichen Verständnis des Begriffes abhebt, auch wenn Gerlach die juristischen Konnotationen und Aspekte dieses Begriffes durchaus anerkennt. Der Gerechtigkeitsbegriff des Alten Testaments ist aber umfassender, er geht deutlich über einklagbare Ansprüche hinaus und schließt den „Gedanken der Gnade und Verheißungstreue“ mit ein. Der soziale Zusammenhang der israelitischen Gemeinschaft soll über den Gewinninteressen der einzelnen Akteure stehen, aber die Befolgung der einschlägigen Schutzbestimmungen in der Tora konnte oftmals nicht durchgesetzt werden, und nicht selten führten bestimmte Schutzvorschriften, wie etwa das Verbot des Zinsnehmens von Angehörigen des eigenen Volkes wie auch der Schuldenerlass im Sabbatjahr, zu einer unbeabsichtigten Benachteiligung der Armen, da sie die Bereitschaft zur Gewährung notwendiger Kredite, gerade auch für die Armen in der Gesellschaft, deutlich verminderte. Im Neuen Testament ist zwar nicht mehr Gerechtigkeit, sondern Liebe (Agape) der ethische Zentralbegriff, aber – darauf weist Gerlach sehr berechtigt hin – gerade hinsichtlich des Gerechtigkeitsbegriffs lässt sich eine starke Linie der Kontinuität zwischen Altem und Neuem Testament feststellen. Daher unternimmt er es, das Verhältnis zwischen Gerechtigkeit und Liebe, vor allem anhand des Matthäus-Evangeliums und von Paulus-Briefen, näher zu bestimmen. Der zurückhaltende ethische Gebrauch von Gerechtigkeit bei Paulus hat offenbar seinen Grund darin, dass dieser „sein Verständnis von Gerechtigkeit Gottes so strikt gegen ein Verständnis des Gesetzes, der Tora, wenn dieses als Heilsweg verstanden wird, abgrenzt“. Die Nächstenliebe als Erfüllung des Gesetzes enthält also Gerechtigkeit, geht aber über sie hinaus.

Etwas anders gestaltet sich die Beziehung bei Matthäus, da dieser Evangelist Jesus als radikalen Toralehrer versteht. Die Taten der Barmherzigkeit werden im Gleichnis von Jesus als dem Weltenrichter dadurch universalisiert, dass sich „alle Völker“ nach diesen Maßstäben vor dem Weltgericht zu verantworten haben. Dadurch wird das Ethos der Barmherzigkeit nicht mehr als Ethik kleiner Gruppen, sondern als universale, alle Völker bindende und verbindende geschwisterliche Gemeinschaftsethik verstanden.

Um nun die sozialethischen Konsequenzen des alt- und neutestamentlichen Gerechtigkeitsverständnisses für die Gegenwart zu bestimmen, muss Gerechtigkeit als Grundbegriff einer christlichen Gesellschaftstheorie entwickelt werden. Hierzu gibt Jochen Gerlach im Anschluss an Eilert Herms wichtige Hinweise: Das Verständnis der biblischen Weisung leitet sich aus einem ganz bestimmten Gottesverständnis ab, und daher hat das biblische Ethos – vor allem das der Gerechtigkeit – einen hohen Orientierungswert für sozialethische Überlegungen. Moderne sozialstaatliche Einrichtungen werden als kritische Weiterentwicklung der Institutionen des Alten Testaments gesehen, und Jochen Gerlach formuliert es als generelle Aufgabe der theologischen Sozialethik, „die Intentionen des biblischen Verständnissen von Gerechtigkeit verantwortungsethisch umzusetzen“.

Über die Notwendigkeit von Rechtstreue und Rechtssicherheit hinaus muss auch die Kraft der Utopie genutzt werden; dafür wird das anschauliche und auch praktisch erfolgreiche Beispiel der Erlassjahrkampagne 2000 zugunsten der ärmsten Länder dieser Erde angeführt. So sehr Gerlach hervorhebt, dass man die Funktionsprinzipien der Wirtschaft sachgemäß in Rechnung stellt und auch die Möglichkeit von strategischem Verhalten und Missbrauch nicht außer Betracht lässt, betont er auch die vorwärtsweisende Funktion der jüdisch-christlichen Tradition und fordert: „Das kritische und utopische Potential der biblischen Schriften muss präsent gehalten werden, damit es verantwortungsethisch umgesetzt werden kann“. Der Rückgriff auf die biblische Tradition ist hier also anders als bei Thomas Ruster: Jener will mit Tora und Talmud die Herrschaft autonomisierter Funktionssysteme begrenzen, Gerlach dagegen will – sozusagen in Anerkenntnis der Herrschaft solcher ausdifferenzierter Systeme – die Gerechtigkeitsintentionen des Alten und Neuen Testaments dazu verwenden, um sie in konkrete Lösungen innerhalb dieser Funktionssystem umzusetzen.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
the author
Dr. Jochen Gerlach

Pfarrer der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck, Lehrbeauftragter an der Ev. Fachhochschule Darmstadt, Arbeitsgebiete: Theologische Sozial- und Wirtschafts- und Unternehmensethik, Publikationen: Ethik und Wirtschaftstheorie.