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Dienstag, 21. August 2018
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Governance und Gewährleistung
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Governance und Gewährleistung

Zur politischen Ökonomie des social capital

16 Seiten · 2,99 EUR
(April 2009)

 
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Aus der Einleitung:

Politik ist in der ökonomischen Theorie eine Veranstaltung zur kollektiv abgestimmten Bereitstellung öffentlicher Güter (= Public Choice). Diese Auffassung passt sich gut als Sonderfall in soziologische Theorien ein, die die Funktion von Politik als Fällen kollektiv bindender Entscheidungen bestimmen. Der soziologische Ansatz konzentriert sich mehr auf die Implikation, dass solch ein politisches System mit einer zentralen Instanz versehen sein muss, die eben diese Fähigkeit besitzt und ausübt, stellvertretend für die Gesellschaft politische Entscheidungen zu fällen. Diese Fähigkeit wird regelmäßig als ‚Macht‘ bezeichnet und stellt in systemtheoretischen Ansätzen die Basis politischer Interaktion. Macht übernimmt im politischen System die Rolle von Geld im ökonomischen System.

Politische Kultur ist wesentlich Machtkultur, in all ihren möglichen Differenzierungen. Die politische Ökonomie – als ökonomische Theorie der Politik – nimmt solche Machtverhältnisse als gegeben an und sorgt sich vornehmlich um Abstimmungsmechanismen im politischen Zentrum, die – wenigstens bei ökonomisch relevanten Entscheidungen – sicherstellen sollen, dass die Interessen einzelner Wirtschaftssubjekte genügend berücksichtigt werden. Politische Theorie hingegen thematisiert das Zustandekommen und Re-arrangieren von Abstimmungs- und Entscheidungskollektiven im medialen Kontext. Die Politische Theorie operiert über Macht durch Verfahren (mit der Implikation, Macht über Verfahren – different – zu verteilen und zu modulieren). Damit ist sie weder auf öffentliche Güter noch auf Machtontologie fixiert, sondern analysiert die Beweglichkeiten im Macht, wie im Budgetraum anhand der Unterscheidungen der Formen der Regierungen (governments), des Regierens (governances) und anhand der Unterscheidungen von Formen der Demokratie (repräsentativ, direkt etc.).

Wenn nun der Staat sich zurückzieht, wie moderne Reformstrategien vorschlagen, senkt er die Menge öffentlicher Güter, aber nicht automatisch die demokratischen Verfahren. Es gibt keinen Demokratieeinbruch, sondern nur eine Kosten/Nutzen-Neubewertung der öffentlichen Güter. Die Chance, wegen der Reduktion oder Rücknahme von öffentlichen Gütern mehr Demokratie zu wagen, erhöht sich, weil die Unsicherheit der Politik, wie sie in dieser De-Konstruktion bewertet wird, wächst, und sie sich deshalb enger mit den Bürgern koppeln will, um einen Teil der Verantwortung, den sie durch die Delegation im Repräsentationsstatus zugewiesen bekommen hat, zurückzugeben an die Bürger, die ihre Beauftragung so bemessen mögen, dass sie die Verringerung der öffentlichen Güter als ihre Entscheidung ausgeben. Die ‚kollektiv bindenden Entscheidungen‘ werden auf alle verantwortlich verteilt, die jetzt zum – demokratisch erweiterten – Haftungskreis dazugehören (Demokratie als Gesellschaft – im GmbH-Sinne).

In der soziologischen Terminologie ist governance recht gut zu fassen als Politik ohne Machtausübung. Mit dieser Auffassung ist aber ein verändertes, bzw. erweitertes Politikverständnis verbunden, wenn nun der Einfluss formal nicht entscheidungsbefugter (und v. a.: nicht weisungsbefugter) Akteure im Vorfeld kollektiv bindender Entscheidungen systematisch einbezogen wird. Das erfordert einerseits eine prozessuale Sicht auf Politik als kommunikativ ausgetragenes Spiel um Einfluss (governance-Prozesse); andererseits rücken neben den formalen und offiziellen Regelungen für politische Entscheidungen auch informelle Strukturen in den Vordergrund, die faktisch die Bedingungen und Arten der Teilnahme an governance-Prozessen regeln (governance-Strukturen). Die Vorgänge werden durch den Umstand kompliziert, dass governance auch auf die Veränderung solcher, nunmehr auch informeller, governance-Strukturen gerichtet sein kann.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Neue Konzepte der Ökonomik – Unternehmen zwischen Nachhaltigkeit, Kultur und Ethik
Irene Antoni-Komar, Marina Beermann, Christian Lautermann, Joachim Müller, Niko Paech, Hedda Schattke, Uwe Schneidewind, Reinhard Schulz (Hg.):
Neue Konzepte der Ökonomik – Unternehmen zwischen Nachhaltigkeit, Kultur und Ethik
Der Autor
Prof. Dr. Birger P. Priddat
Birger P. Priddat

geb. 1950, arbeitet an Themen zwischen Philosophie und Wirtschaft, vor allem auch an der Theoriegeschichte der Ökonomie. Er ist Professor für Wirtschaft und Philosophie an der Universität Witten/Herdecke.

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