Anthropogene Aktivitäten führen zu einer kontinuierlichen Überlastung des Ökosystems. Die Ressourcen, die die Erde innerhalb eines Jahres zu Verfügung stellt, sind meist schon im Juli verbraucht, sechs von neun planetaren Belastungsgrenzen gelten aus wissenschaftlicher Sicht als bereits überschritten und die Risiken für abrupte und irreversible Schäden des Ökosystems steigen kontinuierlich an. Trotzdem wirkt Johan Rockström, Mitbegründer des Konzepts der Planetary Boundaries und Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in seinen Reden fast nie verzagt, sondern spricht von einer "hopeful future" und eine "true hope", bezogen auf eine ehrliche Kommunikation über den Klimawandel. Vor diesem Hintergrund und im Kontext von Jane Goodalls "four pillars of hope" und ihrem Film "reasons for hope" nähert sich der vorliegende Band dem Thema Hoffnung aus wissenschaftlicher Perspektive. Dabei gehen die Autorinnen und Autoren der Frage nach, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um gerechtfertigt hoffen zu können, und skizzieren Lösungen für eine hoffnungsvolle Zukunft.
Im Zentrum stehen die Hope-Maker, die Hoffnung rechtfertigen und zeigen, dass es möglich ist, ein unwahrscheinlich anmutendes Ziel zu erreichen. Ein Hope-Maker kann dabei eine einzelne Person sein oder eine Bewegung, eine Technologie oder eine neue Wirtschaftsform, möglicherweise auch eine Institution oder eine bestimmte Politik. Konkret reichen die Beiträge von der Bedeutung der Alltäglichen Ästhetik über das Bedingungslose Grundeinkommen oder den Erfolg von Maker-Spaces bis zur zirkulären Wirtschaft.
Teil 1: Kontexte des Hoffens
Helge Rossen-StadtfeldTeil 2: Positive Dynamiken für Gesellschaft und Wirtschaft
Darrel Moellendorf und Axel SchafferTeil 3: Hoffnung schafft Handlungsraum
Oliver TürkSchluss
Axel Schaffer und Susanne HartardHoffnung«machen»?
2025 war wohl das bislang krisenhafteste Jahr, das ich erlebte, und 2026 hat wahrhaft nicht besser begonnen. In der relativ ruhigen Zeit zwischen den Jahren nahm ich «Hope-Maker» zur Hand. Lässt sich Hoffnung einfach «machen»?
«Sie schimmert, ist Anker und stirbt zuletzt. Grün ist sie sowieso.» Hübsch, dieser Einstieg ins Schlusswort eines Hoffnungsbuches, dessen Titel mir auf Anhieb überhaupt nicht gefiel. «Hope-Maker.» Zudem klang die Unterzeile beschönigend: «Hoffen in einer Welt im Wandel.» Nicht mal mit Fragezeichen!
Das klang wie die Ankündigung der Weihnachtsansprache, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Berliner Schloss Bellevue hielt. Christbaum, Reichsadler, schwarzer Anzug, rote Krawatte, SPD, inhaltlich bieder. «Es gibt Zeichen von Hoffnung und Grund zu Zuversicht», steht über dem Text seiner Rede. Darin aber auch Bemerkenswertes. Wenn wir gemeinsam mit andern nach gemeinsamen Zielen suchten, könnten wir Wege finden. «Wenn wir dabei andere mit echtem Interesse zu Wort kommen lassen und sie nicht nur mit dem behelligen, was wir selber schon immer für richtig halten. Orientierung gewinnen durch echtes Fragen, durch Offenheit, durch Gespräch und durch gemeinsames Tun: Das kann den vor uns liegenden Weg erhellen und ihm Richtung geben.» Vielleicht blieb beim Fernsehpublikum von diesem Kern am 25. Dezember etwas hängen.
Denkanstösse der Bundeswehr
Offenheit, echtes Fragen und Suchen. Genau. Auch bei der mir seit Jahren vertrauten Buchreihe, in der «Hope-Maker» erschien, faszinierte mich stets, dass sie auf Tagungen im Umfeld einer Universität der Bundeswehr in München basierten. Diese wurde 1973 vom damaligen Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt gegründet, um den «zukünftigen Offizierinnen und Offizieren ein ziviles akademisches Studium» anzubieten. Was von dort Lehrenden an Denkanstössen in die Debatten eingebracht wurde, fand ich immer wieder beachtlich. Seit nun 25 Jahren finden regelmässig Kolloquien zu «systemischen Fragen einer nachhaltigen Entwicklung» statt. Aktuell sind Susanne Hartard sowie Axel Schaffer für die Herausgabe der vorgetragenen Texte verantwortlich. Er ist an dieser Hochschule, die wohl der zwiespältigen Parole vom «Soldaten als Bürger in Uniform» zu einem besseren Profil verhelfen sollte, seit 2012 für den Themenbereich Wandel und Nachhaltigkeit zuständig, die Kollegin schon seit Beginn als Expertin dabei.
Dass die Menschheit «vor gewaltigen Transformationsaufgaben» steht, ist seit Langem bekannt. Nun erweist sich diese Notwendigkeit «in einer Welt, in der Konflikte den globalen Weltfrieden bedrohen und diverse Umweltkrisen die komplexen Zusammenhänge des Erdsystems empfindlich stören», zwar als alarmierend dringlich, doch sie gerät mehr und mehr aus dem Blick. Engagierte verlieren die Zuversicht, zentrale Probleme zu lösen oder kommende multiple Krisen wenigstens einzudämmen. «Was bleibt, ist die Hoffnung.» Also wurde sie bei den jüngsten Treffen ins Zentrum gerückt. Dies mit stets wissenschaftlichem Anspruch, doch sehr breitem Themenspektrum: Hope-Maker könnten sowohl Theorien, Institutionen oder Innovationen, Massenbewegungen, aber auch einzelne Menschen sein. Und sie reichten «bis hin zu neuen politischen Ansätzen, ästhetischen Erfahrungen oder den Selbststabilisierungskräften der Natur.»
Wälder können Hoffen beleben
Letzteres gefiel mir natürlich. «Baum, Hoffnung und die mittelalterliche Allegorie der Nachhaltigkeit» von Chen Cui zum Beispiel. Er befasste sich als Doktorand an der Uni Lausanne mit derartigen Themen, liefert schöne alte Bilder und Texte. Bäume vermögen ihr Gleichgewicht zwischen Verlust und Regeneration lange zu bewahren, wurden dafür in aller Welt verehrt. Ihr «unermüdlicher Kampf gegen Zerstörung und Erosion» könnte auch heute nicht nur eine Metapher für die Ausdauer der Pflanzenwelt sein, sondern Sinnbild für Hoffnung. Aber ist das nicht zu billig? Nein, denn hinten, im quasi praktischen Teil, zeigt Joachim Hamberger als Leiter des Bayrischen Amtes für Waldgenetik, «wie Wald beim Hoffen helfen kann». An der Bundeswehr-Universität hat er einen Lehrauftrag für nachhaltige Waldwirtschaft. Er blendet den Ernst der Lage nicht aus: Sie ist ja der Grund seiner Frage nach kräftigenden Orten. «Erholung und Heilung» sind Notwendigkeiten. Es gehe darum, sich vom «aggressiven Geschrei» der ideologisch rückwärtsgewandten AfD- oder MAGA-Leute nicht lähmen oder in Panik treiben zu lassen. Auch bei der besonders empfohlenen Suche nach Wirkmöglichkeiten im Lokalbereich spielt diese Sorge mit. Ihn mit vielen anderen gestalten. Nicht ohnmächtig werden! Wobei eine Fussnote klarstellt, dass dieses Mitwirken im Kleinen nicht ausreicht. «Alle grossen Handlungszwänge in der Politik sind heute transnationaler Natur: Migrationsbewegungen, egal ob klimabedingt oder kriegsverursacht, die Ressourcenverteilung global als Nord-Süd-Ungerechtigkeit oder in korrupten Kleptokratien, die Finanzmärkte, die Lieferketten, die Friedenspolitik.» Also nichts von Augen zu, sondern Klartext. Doch den von ihm exemplarisch und konkret in seiner Vielfältigkeit dargestellten Wert möglichst natürlicher und gut genutzter Wälder sollten wir nicht unterschätzen.
Davor geht es bei Dana Drüke, vorgestellt als externe Doktorandin der Armeehochschule, um «nachhaltige Lebensstile als Schlüssel zur Transformation urbaner Mobilität». Sie hat diesbezüglich vorab deutsche Städte im Blick und stellt auffällig positive Tendenzen im Süden des Landes fest. Aber auch Oslo oder Paris zeigten, dass und wie diesbezüglich Wenden gelingen könnten. Zürich kommt hier nicht vor, wird dafür in einem Beitrag über die «zirkuläre Rohstoffwirtschaft als Hoffnungsträger» als Modell-Stadt erwähnt. Und bei den Überlegungen zur zukunftstauglichen Umgestaltung der Arbeitswelt kommen alte ETH-Studien zum Bedingungslosen Grundeinkommen zu Ehren. Viel hat die in Zürich schon vor gut einem Jahrzehnt angerissene Forschung offenbar nicht bewirkt. Auch die dazu in Berlin damals durchgeführten Befragungen in Schulen hätten eher «ambivalente» Haltungen gegenüber solchen Vorschlägen gezeigt, mit einer Tendenz zur Polarisierung. Was die Schreibenden als seinerzeit an den Erhebungen direkt Beteiligte sehr bedauern, denn angesichts der aktuellen und bevorstehenden Umbrüche «in der spätkapitalistischen Arbeitsgesellschaft» könnte dieses Konzept «ein veritabler Hope-Maker» sein. Sie setzen ihrem Text denn auch eine Aussage zur Kraft der «Sozialutopie» voran, welche von Ernst Bloch stammt, dem Verfasser von «Das Prinzip Hoffnung». Er kommt in diesem vielseitigen Reader - wie Kant - wiederholt als philosophischer Anreger und wohl auch Tröster vor."
Nachhaltige Werkstoff- und Kunststoffwelt … und was wir dafür tun müssen
Fatalismus, Zweckoptimismus, Hoffnung – Wie kommen wir von A nach C?
Quiet Quitting in der Arbeitswelt ist kein Hope-Maker für eine Nachhaltige Entwicklung – ein Bedingungsloses Grundeinkommen hingegen schon
Von Hoffnung und Hope-Makern
Baum, Hoffnung und die mittelalterliche Allegorie der Nachhaltigkeit
Die aesthetic force als Hope-Maker einer nachhaltigen Entwicklung
Mehr Hoffnung als Verzweiflung? Zustand der Umwelt in Europa im Zeitalter des Anthropozäns
Hoffen im Kontext
Das mehrfache Leben – zirkuläre Rohstoffwirtschaft als Hoffnungsträger
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