sprache deutsch
sprache english
» shopping cart
0 article(s) - 0.00 EUR


Friday, June 22, 2018
 welcome page » policy  » policy advice 
Illusionen der Politikberatung - am Beispiel der Entwicklungspolitik
download size:
approx. 137 kb

Illusionen der Politikberatung - am Beispiel der Entwicklungspolitik

12 pages · 2.94 EUR
(July 2002)

 
I agree with the terms and conditions, especially point 10 (only private use, no transmission to third party) and accept that my order cannot be revoked.
 
 

Aus dem Schlussteil:

Meine Bilanz nach fast dreißigjähriger politiknaher Entwicklungsforschung ist die folgende: Die Wissenschaftler, die sich auch als Politikberater verstehen und betätigen, geben sich allzu bereitwillig der Illusion hin, dass sie mit ihrem Rat auch die praktische Politik beeinflussen können. Die Politik pickt sich aus all den wissenschaftlich aufbereiteten Ratschlägen nur das heraus, was sie zur Rechtfertigung ihres Handelns brauchen kann. Die Entwicklungsbürokraten, nicht die Entwicklungstheoretiker gestalten die Entwicklungspolitik. Wir wissen aus amerikanischen Untersuchungen, dass etwa 80% der teilweise teuren Gutachten politische Entscheidungen nicht vorbereiten helfen, sondern bereits gefällte oder vorbereitete Entscheidungen nachträglich legitimieren sollen. Diese Erkenntnis kann man sicherlich auch auf die Funktion der deutschen Entwicklungswissenschaft übertragen.

Der streitlustige Politologe Ulrich Menzel hat zu Beginn der 90er Jahre das Ende der Entwicklungstheorie erklärt. Ich weiß zwar nicht, wie eine solide Entwicklungswissenschaft ohne jede Theorie auskommen soll, aber ich bin mir sicher, dass die praktische Entwicklungspolitik dieses angebliche Ende der Entwicklungstheorie nicht bedauert. Der entwicklungspolitische Pragmatismus braucht keine handlungsorientierende Theorie, sondern eine Legitimationsrhetorik, die eher bei der Agenda der ?Entwicklungslobby? denn bei Vorschlägen aus wissenschaftlichen Beiräten Anleihen macht. Kaum jemand würde es überhaupt wahrnehmen, wenn der Wissenschaftliche Beirat beim BMZ in einen Dauerschlaf versetzt würde.

Ich erkenne auch einen Zusammenhang zwischen dem Absterben von entwicklungspolitischen Lehrstühlen und regionalwissenschaftlichen Forschungsinstituten und dem Verzicht auf wissenschaftliche Beratung. Das mag teilweise auch an uns liegen, weil wir viel Wissen produzierten, das nicht als politikrelevant gilt; aber es liegt auch an der Politik, die glaubt, auf unseren Rat verzichten zu können. Die Folge wird allerdings sein, dass wir nicht nur in der Entwicklungswissenschaft international zur Provinz verkommen, sondern auch die Entwicklungspolitik an konzeptioneller Konsistenz verliert. Es gibt Gründe, warum sich die deutsche Entwicklungspolitik im Verbund des DAC und der EU nicht gerade durch innovative Initiativen auszeichnet. Zu viele im Apparat sind mit der Abwicklung von Projekten beschäftigt, zu wenige haben Zeit zum Nachdenken und zur Verarbeitung wissenschaftlicher Expertise. ...

Mein Fazit lautet: Die Entwicklungstheorie blieb immer ein akademisches Trockenschwimmen und die praktische Entwicklungspolitik ein theorieloses Reagieren auf weltpolitische und weltwirtschaftliche Veränderungen ? zum Nachteil beider Seiten. Die Entwicklungswissenschaft ist bestenfalls eine Hilfswissenschaft der politischen Praxis, deren Dienste je nach Bedarf abgerufen werden. Einen wirklich orientierenden und gestaltenden Einfluss hatte unsere Theorienproduktion niemals oder allenfalls über Umwege des außerparlamentarischen Agenda-Setting.


quotable essay from ...
Der Einfluss der Wissenschaft auf die Politik
Uwe Jens, Hajo Romahn (Hg.):
Der Einfluss der Wissenschaft auf die Politik
the author
Prof. Dr. Franz Nuscheler
Franz Nuscheler

Lehrstuhl für Internationale und Vergleichende Politik an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg, Direktor des Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF)