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Marx als Wirtschaftssoziologe
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Marx als Wirtschaftssoziologe

Eine Problemskizze

34 Seiten · 4,72 EUR
(28. August 2007)

 
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Aus der Einleitung:

Unabhängig von wissenschaftlichen Konjunkturen hat Marx seinen unangefochtenen Platz innerhalb der Wirtschaftssoziologie als Klassiker sicher. Die auffällige Aggressivität deutscher Politologen (Konrad Löw) und Philosophen (Volker Gerhardt), die Marx erneut und endgültig beerdigen wollen, geschieht ohne Kenntnis des mainstreams amerikanischer Soziologie und Ökonomie; jene hysterische Heftigkeit resp. jener nietzscheanische Wahrheitsfanatismus mag ein Fall für Freud sein. Fremd bleiben ihnen nüchterne Feststellungen wie die von North: „Marxens frühe Verknüpfung von Produktivkräften (worunter er in der Regel den Stand der Technik versteht) und Produktionsverhältnissen (worunter er gewisse Aspekte gesellschaftlicher Organisation und insbesondere Verfügungs- bzw. Eigentumsrecht versteht) war ein bahnbrechender Versuch, die Grenzen und Beschränkungen der Technik mit denen gesellschaftlicher Organisation zu verbinden“ (North 1992: 157). In dem repräsentativen Handbuch, The Handbook of Economic Sociology von Smelser und Swedberg (1994) durchziehen Name und Sache ‘Marx’ die gesamten 835 Seiten, besonders wenn man Marx und Max Weber als ein Paradigma begreift, was spätestens nach Schumpeter evident sein sollte. „Sämtliche Tatsachen und Argumente von Max Weber passen vollkommen in Marxens System“ (Schumpeter 1993: 27).

Wegen der o.g. Philosophen und philosophierenden Politologen - diesen ‘Klassenkämpfern in der Wissenschaft’ (Althusser 1985) - muß das zentrale Argument Webers ein weiteres Mal memoriert werden. „Interessen (materielle und ideelle), nicht: Ideen, beherrschen unmittelbar das Handeln der Menschen. Aber: die ‘Weltbilder’, welche durch ‘Ideen’ geschaffen wurden, haben sehr oft als Weichensteller die Bahnen bestimmt, in denen die Dynamik der Interessen das Handeln fortbewegte“ (Weber 1920: 252). Die Wissenschaftsgeschichte hat ein reiches Material bereitgestellt, um Paradigma-Revolutionen (Thomas Kuhn) zu analysieren. Aus der Sicht der Quantenmechanik erscheint die klassische Mechanik Newtons als ein Spezialfall, der gleichwohl nicht vollständig in das neue Paradigma aufgelöst werden kann. Ähnlich verhält sich Marxens Wirtschaftssoziologie zu der Webers. Sie ist der Prototypus einer theoretischen Innovation, die erst nach Webers Wirtschaft und Gesellschaft begriffen werden kann. Diese Doppelgestalt der Theorie mag ein Grund dafür sein, daß der wirtschaftssoziologische Gehalt der Marxschen Schriften in der marxistischen Rezeption im Sozialismus nicht beachtet wurde, ja sie mag eine Erklärung für die theoretische Unfähigkeit sein, Wirtschaftssoziologie denken zu können. Ohne sich auf Weber einzulassen, können wirtschaftssoziologische Phänomene für sich nicht wahrgenommen werden. Zaghafte Ansätze, die sich bei Bollhagen (1967) finden lassen, waren nicht anschlußfähig; Kuczynski (1978) konnte nur elegisch ein Mißlingen konstatieren; das radikale Systemdenken von Klaus (1964), welches nolens volens „kontraintuitives Wissen über die Gesellschaft“ (Halfmann 1996: 29) zu erzeugen fähig war, blieb trotz der Reputation des Autors isoliert, weil die Erstcodierung von Wissenschaft über wahr/falsch nicht funktionierte; kurz: Das Potential, das die marxistischen Paradigmata für wirtschaftssoziologisches Denken enthielten, wurde nicht im mindesten ausgeschöpft.

Die Diskurslandschaft der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird durch die Entdeckung des Sozialen geformt. Ideengeschichtlich werden Lorenz von Stein (mit einer Prise Tocqueville) und/oder Marx (Engels) als Interpreten, als Wegführer gebraucht, um das komplexe Ineinander von Massen und industrieller Revolution, von Sozialismus, Kommunismus und ‘Kapitalismus’ (Sombart) zu strukturieren und die Komplexität der Phänomene zu reduzieren. Marx/Engels sortieren eher die Erfahrungen der Unterschichten (‘Proletairs’ - von Baader), Weber eher die der bürgerlichen Mittelschichten (Protestantische Ethik), um den Sitz der Ökonomie im Leben zu fixieren. Der Blickwinkel ist verschieden: der von Marx und Engels der von unten, die Webersche Perspektive eher die von oben. Die Schule des Sehens aber verdanken beide dem Realismus von Machiavellis Il principe. Beide Theorien gehen permanent gegen die Versuchung an, die eigenen Moral- und Ethikwünschbarkeiten in ihre Konzepte einzubringen, Webers Theorem des ‘Idealtypus’ ist beredter Ausdruck dafür, und für die Soziologie von Marx und Engels ist dieser Impetus gleichfalls unabdingbar.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Die ökonomische Theorie von Marx – was bleibt?
Camilla Warnke und Gerhard Huber (Hg.):
Die ökonomische Theorie von Marx – was bleibt?
the author
Prof. Dr. Manfred Lauermann

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie an der TU Dresden, Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität Bielefeld. Ab 1999 Gastprofessor an der Universität Goiania (Brasilien) mit Schwerpunkt Sozialphilosophie.