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Mikroökonomische Lehrbücher: Wissenschaft oder Ideologie

2., korrigierte Auflage · 376 Seiten ·  19,80 EUR (inklusive MwSt. und Versand)
ISBN 978-3-7316-1389-3 (September 2019 )

 
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Die Mikroökonomie ist fester Kernbestandteil der Wirtschaftswissenschaften. In der Lehre wird hierbei (nicht nur in Deutschland) auf sehr wenige Lehrbücher zurückgegriffen. Dieses Buch geht der Frage nach, wie einseitig oder plural diese Lehrbücher sind, an denen kein Studierender vorbeikommt. Zunächst wird näher bestimmt, was den vorherrschenden Mainstream und kontrastierend eine heterodoxe Ausrichtung grundlegend charakterisiert.

Anhand der dominierenden Lehrbücher von Varian und Pindyck/Rubinfeld werden dann detailliert und mit einer gewissen hermeneutischen Akribie v.a. folgende Fragen untersucht: Weisen sie eine einseitig neoklassische Mainstreamausrichtung auf und werden andere ökonomische Denkschulen ausgeklammert? Kommen kritische Diskurse wie die Kapitalkontroverse zur Sprache? Sind die zur Veranschaulichung angeführten Beispiele aus der realen Welt treffend gewählt? Werden zutreffend generalisierte oder eher beliebige Modellannahmen, z.B. zu Kostenkurvenverläufen, angenommen? Treffen behauptete Gesetzmäßigkeiten empirisch zu und sind sie durch die Angabe von Fachliteratur belegt? Werden unvorhergesehene Ereignisse wie die Finanzkrise reflektiert? Und liegt den Lehrbüchern insgesamt eine eher zurückhaltend-ausgewogene oder eine wissenschaftlich nicht begründbare, z.B. marktliberal-konservative Weltsicht zugrunde? Abschließend werden alternative Lehrbücher vorgestellt, die weitgehend unbekannt sind, aber nicht die bei der Untersuchung ermittelten Mängel aufweisen und die neben dem mikroökonomischen Mainstream auch verschiedene andere Denkschulen berücksichtigen und auf gegenwärtige Herausforderungen wie soziale Ungleichheit und die Gefährdung der Umwelt realitätsnah und in pluraler Perspektive eingehen.

Pro Zukunft, 2020, 2

""Wissenschaft oder Ideologie?" so untertitelt Helge Peukert seine Studie über mikroökonomische Lehrbücher. Nicht weniger als 23 aktuelle Theorieschulen benennt der Leiter des neuen Masterstudiengangs "Plurale Ökonomik" an der Universität Siegen, in dessen Rahmen das Forschungsprojekt durchgeführt wurde. Die Ansätze reichen von der Neoklassik und dem Monetarismus über den Neukeynesianismus und den Postkeynesianismus bis hin zur Regulationstheorie, dem Ordoliberalismus, dem Marxismus, der Ökologischen Ökonomie und der Feministischen Ökonomie. In der Folge konzentriert sich der Autor auf zwei Diskursstränge, Ansätze, die er dem "Mainstream" zuordnet und jene der "Heterodoxie". Beide Theorieschulen unterscheiden sich in Bezug auf die Beschreibung von Märkten (etwa Gleichgewichtstheorie versus Regulationstheorie), dem Menschenbild (etwa rational berechnender "Homo oeconomicus" versus "Homo duplex", der utilitaristische und altruistische Seiten hat), die Rolle des Staates (möglichst wenig Eingriffe versus wirtschaftspolitische Steuerung), die Funktion des Geld- und Finanzsystems (neutrales Medium versus Machtinstrument) oder die Bedeutung nicht am Markt erbrachter wirtschaftlicher Aktivitäten wie Care-Arbeit (Negation versus Berücksichtigung).

Zwei Denkschulen im Vergleich

Die beiden Denkschulen weisen selbstredend unterschiedliche Schattierungen auf - Peukert spricht von "Mainstream I" und "Mainstream II"; als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal benennt der Autor dabei das Wissenschaftsverständnis: während sich die einen als naturwissenschaftlich-mathematisch verstehen, sehen die anderen die Ökonomik als sozialwissenschaftliche Disziplin, die als solche plural bzw. heterodox angelegt sein muss, da es keine wertneutral-objektiven Aussagen gäbe. "Pluralismus ist unser Schicksal." (S. 53)

Als analytischen Rahmen stellt Peukert jeweils elf Grundannahmen bzw. Charakteristika beider Denkschulen heraus (die er mit "M1-M11" für den Mainstream und "H1-H11" für die Heterodoxie kennzeichnet). Zwei Beispiele: Während sich im Mainstream die Volkswirtschaftslehre vor allem "mit dem Studium von freiwilligen Wahlhandlungen (Konsumentensouveränität) unter Knappheitsbedingungen" (S. 32) befasst, thematisierten, so Peukert, die heterodoxen Ansätze insbesondere die "soziale Versorgung (social provisioning) einschließlich der Befriedigung basaler physischer Bedürfnisse für alle." (S. 43) Das primäre Ziel der Neoklassik seien "allokative Effizienz und BIP-Wachstum" als "Garanten für Wohlstand und Wohlbefinden" (S. 33), in der pluralen Ökonomik würden neben materiellen Konsumbedürfnissen auch nichtmaterielle Bedürfnisse, wie eine "verantwortungsvolle, partizipative Regierungsführung" oder ein "soziales Sicherungsnetz, Gesundheit für alle, kulturelle und ökologische Diversität und Resilienz" (S. 46) eine wichtige Rolle spielen.

Gibt es nur zwei Standardwerke?

Diese Grundannahmen der Denkschulen liegen der Untersuchung der Lehrbücher zugrunde. An den meisten Universitäten im englischsprachigen, aber auch im deutschsprachigen Raum werden nur zwei Bücher verwendet: Grundzüge der Mikroökonomik von Hal Varian, der neben seiner Lehrtätigkeit auch Chefökonom von Google ist, und Mikroökonomie der mittlerweile über 70 Jahre alten US-Ökonomen Robert Stephen Pindyck und Daniel Lee Rubinfeld. Detailreich werden beide Standardwerke auf ihre Grundaussagen geprüft, aber auch die wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen der Autoren beleuchtet. Das Fazit: Beide Werke sind strikt dem neoliberalen, mathematisch ausgerichteten Denkgebäude verhaftet, pluralistische Ansätze werden kaum bis gar nicht zur Diskussion gestellt. Peukert geht noch einen Schritt weiter, wenn er vielen Passagen der Werke Unwissenschaftlichkeit vorwirft, in denen die "Kunst der Rhetorik" (S. 315) vor Plausibilität gehe.

Die Studie gibt einen ausgezeichneten Analyseraster, der etwa auch für Schulbücher in etwas vereinfachter Form, angewendet werden könnte. Aufschlussreich sind auch die Ausführungen über das Funktionieren der monopolistischen Lehrbuchmärkte, die mit freier Wahl der Lehrenden wenig zu tun haben. Der Band schließt mit Vorschlägen für eine pluralistische Mikroökonomik, der es darum geht, unterschiedliche Denkansätze transparent und damit auch diskutierbar zu machen. Dazu zählen für Peukert ganz grundsätzliche Fragen wie das Verhältnis zu Eigentumsrechten, die Definition menschlicher Bedürfnisse oder die Sichtweise auf Wirtschafts- oder Staatsversagen (S. 333f.), methodische Fragen wie "quantitativer Formalismus versus gleichberechtigte qualitative und narrativ-hermeneutische Verfahren" (S. 335), die Einschätzung von Märkten und Institutionen sowie Aussagen zur Wirtschaftspolitik wie Nichthinterfragung der "natürlichen Ordnung" versus "Mut zu radikaleren Reformvorschlägen" (S. 33).




the author
Prof. Dr. Dr. Helge Peukert
Helge Peukert ist Professor für Plurale Ökonomik an der Universität Siegen. Forschungsschwerpunkte: Finanzwissenschaft, Geld- und Finanzmärkte, Plurale und heterodoxe ökonomische Theoriebildung. [weitere Titel]
dem Verlag bekannte Rezensionen
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