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Muß die abendländische Zivilisation auf immer unerklärbar bleiben?
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Muß die abendländische Zivilisation auf immer unerklärbar bleiben?

62 Seiten · 5,46 EUR
(29. August 2007)

 
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Aus der Einleitung:

Das Thema des heutigen Abends kann als Glücksfall angesehen werden. Es enthält nämlich zwei Elemente – (i) das okzidentale Patriarchat oder besser: die männlich beherrschte Einehe der griechisch-römischen Zivilisation und (ii) die Geldwirtschaft der antiken Stadtstaaten –, die in der herrschenden Lehre als unerklärbar gelten. Da nur die noch unbegriffenen Dinge die Möglichkeit eröffnen, sich aussichtsreich in das Denken einzumischen, bietet das Thema des heutigen Abends mithin eine große Chance.

Die Entstehung der westlichen Zivilisation, zu der Patriarchat und Geldwirtschaft zwei sehr gewichtige Facetten beitragen, gilt insgesamt und rundherum als unbegreiflich. Ich lasse dafür nur die jeweils ersten Namen der wichtigsten westlichen Wissenschaftsräume zu Wort kommen. So gestehen die renommierten französischen Wirtschaftshistoriker der Antike, Michel Austin und Pierre Vidal-Naquet, ohne Wenn und Aber ihre tiefe Ratlosigkeit ein: »Die Gründe für die Entwicklung der polis sind nicht bekannt.«. Ein Ausnahmegelehrter unter ihren angloamerikanischen Kollegen, Moses Finley, klagt ganz ähnlich: »Wir haben schon erwähnt, daß der Staat als politischer Organismus in den ‚dunklen Jahrhunderten‛ nur ein Schattendasein geführt hatte. Wie dieser Schatten Gestalt gewann, ist ein Prozeß, den wir nicht verfolgen können« Regelrechte Verzweiflung über die beunruhigende Aussicht, die abendländische Zivilisation womöglich niemals erklären zu können, befällt Alfred Heuß, den langjährigen Nestor der deutschen Altertumswissenschaft: »Die Frage nach der Entstehung von Macht und Herrschaft im griechisch-römischen Altertum spitzt sich ... auf den Tatbestand der Genesis der Stadt im griechischen Sinne zu. Es ist einer der leidigsten Mißstände der historischen Wissenschaft, daß wir gerade bei der Erörterung dieser Wurzeln unserer Epoche völlig im dunkeln tappen und dies nur durch Vermutungen zu erhellen vermögen«. »Völlig im dunkeln tappen« ist hier ganz handfest gemeint. Die zitierten Gelehrten – und alle ihre geringeren Anhänger ohnehin – glauben nämlich fest daran, daß die westliche Zivilisation aus einem sogenannten dunklen Zeitalter Griechenlands, aus tiefster Schwärze also, hervorgehe. Diese Wissenschaftler meinen, daß es eine Art Geschichtsriß, eine leere Epoche, zwischen dem Griechenland der feudalistischen mykenischen Königszeit ohne Geld und der polis mit ihrer Geldwirtschaft gegeben habe. Je nach Forschungsrichtung dauert diese unerhellbare Epoche Griechenlands 200 bis 600 Jahre (1200/950 bis 776/600 v.u.Z.).

Gelegentlich werden in dieser Dunkelheit umherschweifende Stammesgesellschaften für die polis verantwortlich gemacht. Doch auch nach der Untersuchung von mehr als 500 Stammesgesellschaften konnte eine direkte und vorbildlos verlaufende Verwandlung von Stammeskollektiven in politische Gesellschaften individueller Eigentümer – wie in der polis – niemals beobachtet werden. Also halten sich die nachdenklicheren Autoren lieber bedeckt und hoffen auf zukünftige Befunde der Völkerkunde. Aber auch deren beste Vertreter können keinen Trost spenden, sondern nur vage Aufforderungen zur Ausmalerei der Entwicklung anbieten: »Die Societas, im Gegensatz zur civitas, ist eine familistische und egalitäre Gesellschaftsform ohne Regierung, ohne Privateigentum, Unternehmer oder Markt und ohne sozioökonomische Klassen . ... In der gesamten Kulturevolution verläuft der schärfste erkennbare Bruch zwischen primitiven Kulturen (societas) und der Zivilisation . ... Eines der interessantesten und wichtigsten aller Probleme der Völkerkunde besteht im konkreten Ausmalen dieses Übergangs und der theoretischen Überbrückung des Abgrundes zwischen unserem Verständnis primitiver Kultur und den Anfängen der Zivilisation« (Service).

Nun sitzen Sie da und wundern sich. So klar war Ihnen schließlich gar nicht, daß der entscheidende Schritt der Menschheitsgeschichte bis heute als ganz und gar ungeklärt gilt. Und schon legen Sie Ihre geistige Rüstung an: »Wenn keiner das rausbekommen hat, wie wollen denn Sie das können? Was für eine Methode verwenden Sie überhaupt?« Einige von Ihnen wissen bereits, daß Methodenspezialisten Akademiker sind, die selbst nichts rauskriegen, dafür aber mit allerhand Einfällen über Regeln des Forschens gerne unliebsame Gegner in Schach halten. Viele von Ihnen haben schon selbst geübt, einem interessanten Gedanken mit dem Methodenhammer auf den Kopf zu schlagen. Weil die Methodenfrage aber dennoch nicht abzuweisen ist, erlauben Sie mir gleich vorab ein umfassendes Geständnis. Mein Rezept lautet so: Man suche sich ein relevantes Rätsel, das - sagen wir – mindestens ein Vierteljahrhundert alt ist. Ich z.B. befasse mich vorrangig mit Rätseln, die mindestens 25 Jahre oder ein Vielfaches davon alt sind. Anschließend stelle man sicher, daß die besten Gelehrten zu diesem Rätsel ihre Ratlosigkeit eingeräumt haben oder zumindest so sehr voneinander abweichende Theorien vertreten, daß schon von daher das Fehlen einer einvernehmlichen Rätsellösung offenkundig ist.

Hat man nun sein Rätsel eingekreist, suche man weitere Rätsel im Umkreis des ersten. Dieses nenne ich die Methode der parallelen Rätselkumulation. Nun löse man das eine Rätsel durch Konfrontation mit den übrigen. ...


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Rätsel Geld
Waltraud Schelkle, Manfred Nitsch (Hg.):
Rätsel Geld
the author
Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn
Gunnar Heinsohn

leitet an der Universität Bremen das Phaphael-Lemkin-Institut für Xenophobie- und Genozide-Forschung. Arbeitsschwerpunkte: Geschichte und Theorie der Zivilisation. Mitherausgeber der chronologiekritischen Zeitschrift Frühzeit, Vorzeit, Gegenwart (seit 1995: Zeitensprünge).

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