„Jahrbuch Ökonomie und Gesellschaft“ · Band 37
Eine nachhaltige Gesellschaftstransformation, die ökologische Integrität und soziale Gerechtigkeit zusammen denkt, ist angesichts globaler Krisen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit und wachsender Ungleichheit dringlicher denn je.
Das Jahrbuch Wirtschaft und Gesellschaft widmet sich der Frage, wie eine solche Transformation gelingen kann - insbesondere im Kontext postwachstumsorientierter Ansätze, die die Fixierung auf ständiges Wirtschaftswachstum kritisch hinterfragen. Dabei rücken zentrale gesellschaftliche, makroökonomische und betriebliche Fragen in den Fokus, die sich darum drehen, wie sich Verteilungsgerechtigkeit und Beschäftigungsstrukturen in einer Postwachstumsökonomie verändern, welche Rolle demokratische Beteiligung, Geschlechtergerechtigkeit und globale Umverteilung dabei spielen und wie dem wachsenden Einfluss klimaskeptischer Narrative in öffentlichen Debatten begegnet werden kann?
Ziel ist es, neue Perspektiven für eine lebenswerte, gerechte und ökologisch tragfähige Zukunft zu eröffnen.
Gesellschaftliche Dimensionen
Davide BrocchiMakroökonomische Dimensionen
Michael Heine & Hansjörg HerrBetriebliche Dimensionen
Ute Schmiel & Seher Cetin... Aber das neue «Jahrbuch Ökonomie und Gesellschaft» rückt jetzt genau diese Frage ins Zentrum. «Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit» ist nicht nur sein Thema, es benennt auch das angestrebte Ziel. «Eine nachhaltige Gesellschaftstransformation, die ökologische Integrität und soziale Gerechtigkeit zusammen denkt, ist angesichts globaler Krisen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit und wachsender Ungleichheit dringlicher denn je.» Hier wird kein Weiterwachsen der Weltwirtschaft beschworen, sondern für uns im Norden ein geplantes Schrumpfen empfohlen und sogar als Chance gesehen.
Kann eine derart weitreichende Transformation gelingen? Wie sich von der Fixierung auf ständiges Wirtschaftswachstum lösen? Es wurde ja in den letzten hundert Jahren fast überall auf der Welt als wichtiges Ziel deklariert, weil mit ihm die Lebensqualität der Menschen zu verbessern sei. Wirtschaftswachstumskritik kam erst mit dem Bericht des Club of Rom auf, der 1972 die «planetaren Grenzen des Wachstums» in Erinnerung rief. 1983 haben dann kritische Leute aus den betroffenen Wissenschaften die noch immer wichtige Jahrbuch-Reihe gestartet, um dem neoliberalen Mainstream in fundierten Analysen etwas entgegenzusetzen. Es blieb ein Ort nonkonformer Expertise.
Nun werden die Fragestellungen mit Blick auf privilegierte Wohlstandsregionen radikaler, denn die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung verursachen 50 Prozent der CO2-Emissionen und arme Länder des globalen Südens leiden besonders unter den Folgen. Also ist bei uns Zurückstecken angesagt. Eigentlich wäre das auch kaum ein Problem. Reduktion beim Konsum, um die Grundbedürfnisse aller Menschen weltweit zu sichern, sollte bei uns ohne Einschränkungen in der Lebensqualität möglich sein.
Jason Hickel, einer der vielen im Buch zitierten Vertreter sogenannter Degrowth-Positionen, sieht nebst der Notwendigkeit, den Ressourcenverbrauch zu senken, auch Chancen, die Wirtschaft wieder in Einklang mit der Natur zu bringen, bestehende Ungleichheiten zu verringern sowie das allgemeine Wohlbefinden zu steigern. Dabei geht er von einer Reduktion der Arbeitszeiten auf 20 bis 30 Wochenstunden aus, womit alle wieder Zeit für Care- und Reproduktionsarbeit hätten, also Geschlechtergerechtigkeit und Lebenszufriedenheit erhöht werden könnten. Klingt doch alles plausibel, sogar attraktiv, stünde nicht «die derzeitige kapitalistische Marktkultur» im Weg. In den meisten Texten wird dieser Problemkern ziemlich zurückhaltend benannt.
Dass in Deutschland derzeit die AfD gegen eine Ökodiktatur wettert und Nachhaltigkeits-Konzepte als sozial ungerechte, linksurbane Eliteprojekte bekämpft, ist mit Blick auf die bei uns anstehende «Nachhaltigkeitsinitiative» der SVP von Interesse. Es habe «hinsichtlich der Frage, wer als Elite kritisiert wird», stets deutliche Unterschiede zwischen Links- und Rechtspopulismus gegeben. Letzterer operiert auch bei uns mit Stadt-Land-Gegensätzen und Lebensstilfragen. «In der sozialen Welt gibt es kaum ein Phänomen, das monokausal erklärt werden kann», also ist es geboten, ökonomische, kulturelle und politische Faktoren stets in ihrem Zusammenwirken zu analysieren. Der damit befasste Beitrag ist einer der lesenswertesten und zudem gut verständlich. Was auch für den von Davide Brocchi gilt, der «eine radikale Transformation der Gesellschaft» nicht als etwas bevorstehendes sieht: «Wir sind bereits mittendrin.» Doch er sieht noch eine Chance, sie zu gestalten, statt nur als Desaster zu erleiden.
Eine wichtige Ursache des Zusammenbruchs ganzer Zivilisationen sei in der Geschichte immer wieder die Spaltung von Gesellschaften gewesen. Weil die Eliten jeweils die Auswirkungen von Krisen viel später spürten als die breite Masse, hielten sie noch angesichts der Katastrophe an der Illusion fest, man könne «weitermachen wie bisher». In der Schweiz gäbe es zwar mit der direkten Demokratie noch eine zusätzliche Möglichkeit des Mitwirkens, doch die WEF-Treffen stehen für das Gegenteil. Dazu ist in einer Fussnote eine Schlagzeile als Stimmungsbild von 2023 zu finden. «Viel Militär, viel Zaun und zahlreiche Kontrollen: Davos igelt sich ein.» Das erinnere an jene in den USA schon lange bekannten «festungsartig bewachten» Wohnanlagen oberer Schichten, die nun in aller Welt üblich werden. Wohlhabende und Arme leben in einer Stadt unter sich, in getrennten Ghettos, haben im Alltag kaum noch Berührungspunkte. Grenzen, Mauern, gewaltsame Abwehr, aber auch Aneignungen beginnen nach einer langen Phase internationaler Kooperation weltweit zu dominieren.
Gibt es da noch eine reale Basis für die skizzierte Transformation? Dirk Ehnts stellt eine theoretische Grundlage dafür zur Diskussion. Doch «die Regierung Trump II» habe das Bemühen um eine neue, gerechtere Weltwirtschaftsordnung massiv zurückgeworfen. Mit dem Ton, den «Das andere Davos» an diesem Wochenende im Zürcher Volkshaus laut Programm anschlägt, könnte der Autor kaum viel anfangen. Wohl auch nicht mit der unter diesem Motto seit Jahrzehnten gegen das WEF agierenden «Bewegung für den Sozialismus». Bescheiden wirbt er für «Resozialisierung». Durch sie soll «der Mensch in der Gesellschaft» wieder mehr werden als nur jener Homo oeconomicus, auf den ihn der neoliberale Zeitgeist reduziert hat.
Ungleich in den Kollaps?
Nachhaltigkeit als sozial ungerechtes Elitenprojekt?
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Modern Money Theory und Postwachstumstheorie als theoretische Grundlagen einer sozial-ökologischen Transformation
Einkommensungleichheit im Kontext von Degrowth
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