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Rationalität und Bindung - Das Modell der Frame-Selektion und die Erklärung des normativen Handelns
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Rationalität und Bindung - Das Modell der Frame-Selektion und die Erklärung des normativen Handelns

27 Seiten · 5,03 EUR
(02. Juni 2006)

 
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Aus der Einleitung:

In einer der bekanntesten Studien der klassischen Sozialpsychologie fanden Leon Festinger, Henry W. Rieken und Stanley Schachter (1956) heraus, dass Mitglieder einer Sekte, die den Weltuntergang prophezeit hatte, nach dem Fehlschlag der Prophezeiung erst recht an ihrem Glauben fest hielten und sogar verstärkt daran gingen, für ihre Sache zu werben. Das war in der einen Gemeinde der Fall, in der die Mitglieder engen Kontakt hielten. In der anderen Gemeinde, in der die Mitglieder eher isoliert waren, fielen die meisten dagegen bald und recht still vom Glauben ab.

In einer Studie über die Rettung von Juden vor den Nazis in den besetzten Gebieten des 2. Weltkrieges fanden Federico Varese und Meir Yaish (2000) ein bemerkenswertes Ergebnis: Von allen untersuchten Umständen, unter denen geholfen wurde, war die persönliche Bitte um Hilfe die mit Abstand wichtigste Bedingung. Sie erhöhte die Wahrscheinlichkeit zu helfen um das 17-fache. ?Rationale? Überlegungen und ?materielle? situative Bedingungen, wie Raumverfügbarkeit, spielten, folgt man den empirischen Ergebnissen, so gut wie keine Rolle. Qualitative Nachfragen ergaben, dass die Helfer sich zwar der Gefahren vollauf bewusst waren, aber übereinstimmend aussagten, gar nicht anders gekonnt zu haben, als sie persönlich angesprochen wurden. ...

Diese Beispiele haben eine auffällige Gemeinsamkeit: Die Akteure halten in ihrem Tun an einer bestimmten Vorgabe ?unbedingt?, unter Inkaufnahme hoher Kosten fest. Sie verhalten sich dabei offenkundig ohne an jedwede Folgen zu denken. Die Unbedingtheit der Orientierung und die komplette Ausblendung der Berücksichtigung von Konsequenzen ist nun gerade das, was nach Jon Elster das sog. normative vom rationalen Handeln unterscheidet.

Nach Elster finden bei diesem normativen Handeln ?Entscheidungen? und die Kalkulation der Erträge zukünftiger Konsequenzen nicht statt. Es handelt sich stattdessen eher um so etwas wie das automatische Einschalten eines ?Programms?, das sich dem Akteur, auch emotional, auferlegt und worüber er dann keine Kontrolle hat.

Die Beispiele sind keine exotischen Ausnahmen für das Handeln von Menschen. Unabhängig von ihrer schieren Häufigkeit bilden sie eine deutliche Herausforderung für die Auffassung, dass die Theorie des rationalen Handelns eine allgemeine Grundlage der Erklärung sozialer Prozesse bilden könne. Die Begrenzungen der Theorie des rationalen Handelns sind freilich kein neuer Einwand. Speziell die Soziologie hat damit stets ihre Eigenständigkeit gegenüber den (?rein?) ökonomischen Erklärungen zu begründen versucht. Inzwischen werden die Grenzen der Theorie des (strikt) rationalen Handelns selbst in der ökonomischen Theorie kaum noch bestritten. Der Beitrag will die Spaltung der Theorie des Handelns in ?rational?-ökonomische und in ?irrational?-soziologische Varianten überwinden. Es geht um die Formulierung einer allgemeinen Theorie des Handelns, die die verschiedenen Varianten als an gewisse Bedingungen gebundene Spezialfälle enthält. Es ist das Modell der Frame-Selektion (MdFS). Mit ihm wird es, so hoffen wir, möglich zu erklären, dass sich menschliche Akteure manchmal durchaus rational an gewissen Folgen ihres Tuns orientieren, manchmal aber auch nicht.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Reputation und Vertrauen
Martin Held, Gisela Kubon-Gilke, Richard Sturn (Hg.):
Reputation und Vertrauen
the author
Prof. Dr. Hartmut Esser

Professor für Soziologie und Wissenschaftslehre an der Universität Mannheim. Arbeitsschwerpunkte: soziologische Theorie, sozialwissenschaftliche Handlungstheorien, Migrationssoziologie, Familiensoziologie.

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