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Tuesday, July 23, 2019
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Tausch, Macht und Kollektiventscheidung
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Tausch, Macht und Kollektiventscheidung

26 Seiten · 4,30 EUR
(März 2008)

 
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Aus der Einleitung:

Macht fristet in einem Theorierahmen, dessen Dreh- und Angelpunkt der freiwillige Tausch (die Katallaktik) ist, ein eigentümliches Dasein. Die „Verteilung der Anfangsausstattungen“, die „Struktur der Eigentumsrechte“ mögen Machtverhältnisse reflektieren, im gelingenden Tausch – gar unter Bedingungen eines Wettbewerbspreissystems – scheinen sie sich zu verflüchtigen. Überdies sind im analytischen Rahmen des methodologischen Individualismus komplexe Konzepte wie „Macht“, aber auch „Transaktionskosten“ definitionsbedürftige, analytisch aufzulösende und daher im Prinzip substituierbare Kürzel. Dies gilt auch für jene kollektiven Gebilde, in denen wir gemeinhin Macht vermuten: Konzepte wie „der Staat“, „die Firma“ sind Kürzel, die in diesem Rahmen bestimmte stabil strukturierte Ergebnisse der strategischen Interaktion von Individuen benennen. Der verbreitete Verzicht auf den Machtbegriff durch Ökonomen impliziert (wie Erlei treffend ausführt1) nicht notwendigerweise einen theoriestrategisch blinden Fleck oder ein Erklärungsdefizit. Gerade wegen der theoretischen Bedeutung und Attraktivität jener ökonomisch-katallaktischen Modellierungen, die Irrelevanz von Macht implizieren, kommt „Macht“ als Problemheuristik dennoch kritische Bedeutung zu – und dies auf mehreren Ebenen. Würdigt man etwa die paradigmatische Reichweite von “efficiency as a positive principle”, (Milgrom/Roberts 1992, Kap. 1), anhand dessen sich die Standard-Voraussetzungen der Irrelevanz von Macht als Erklärungskategorie vortrefflich ausbuchstabieren lassen, so liegt – komplementär oder konkurrierend − “power as a positive principle” theoriestrategisch nicht fern: Wird z.B. in einer bestimmten Epoche eine systematische Änderung von Firmenstrukturen beobachtet, kommen effizienzbezogene und machtbezogene Erklärungshypothesen für diese Entwicklung in Betracht. In der Folge ist es darüber hinaus möglich, dass primär effizienztheoretisch erklärbare Strukturänderungen zu einer Machtverschiebung führen, oder aber dass – wie in Adam Smith’s conjectural history der unbeabsichtigten kollektiven Selbstentmachtung der Feudalherrn – primär machtinduzierte Sozialstrukturänderungen effizienzsteigernd sind.

Im Zentrum dieses Beitrags stehen nicht methodologische Fragen, sondern die ordnungspolitischen Implikationen von Machtproblemen sowie am Rande damit zusammenhängende Konzeptionen der Abgrenzung des Gegenstandsbereichs der Ökonomik als Katallaktik. Robuste Machtprobleme relativieren, wie Walter Eucken und Wilhelm Röpke schon wussten, das paläoliberale Ordnungsideal der stability of possession. In diesem Kontext kann der Verzicht auf die Heuristik der Macht zu naiven oder einseitigen Auffassungen hinsichtlich der Beziehungen zwischen Ökonomie und Politik führen. Gerade die Analyse jenes Konglomerats von Markt- und Machtbeziehungen, welches sich im Milieu der Koordinationsprobleme materieller und immaterieller Produktion zu verschiedenen Institutionalisierungen verdichtet, erlaubt eine kritische Beleuchtung des statischen Charakters des paläoliberalen Ordnungsideals. Institutioneller Ausgangspunkt dieses Beitrags sind folglich die hybriden Koordinationsprobleme firmenförmiger Produktion, welche man als in einander verschachtelte Probleme des Umgangs mit knappen Ressourcen und diverser Typen (semi-)öffentlicher Güter begreifen kann, die von Unsicherheit, Informationsasymmetrien und unterschiedlichen Risiko-„präferenzen“ der Beteiligten überlagert werden. Komplexe institutionelle Arrangements wie die Firma bilden sich heraus, weil nicht all diese Koordinationsprobleme sich auf preisförmig-katallaktischen Umgang mit Ressourcenknappheit reduzieren lassen.

Dieser Befund zeichnete sich auch in der kritischen Auseinandersetzung mit der partialanalytischen Mikroökonomik Alfred Marshalls in den 1920erJahren ab. Verschiedenartige Kritikpunkte bezogen sich auf das Verhältnis von Skalenertragseigenschaften und Konkurrenz, im Weiteren aber auch auf den statisch-tauschtheoretischen (im Folgenden: katallaktischen) Reduktionismus in der Darstellung firmenförmiger Produktion insgesamt (z.B. Knight 1921; Dobb 1925). Es wurde kritisiert, dass der Produktionsbereich in dieser Theorie nur als black box bzw. empty box (Clapham 1922) präsent sei. Im Kontext eines solchen Reduktionismus wird – wie man von Dobb (1925) und Coase (1937) lernen kann – speziell von Machtasymmetrien abstrahiert, welche als Übersetzung anonymer Zwänge marktförmigimpliziter Kollektiventscheidungen in die förmlichen Zwänge expliziter Kollektiventscheidungen auf Firmenebene sichtbar werden, um terminologisch an die prägnante Gegenüberstellung Zintls anzuschließen (2.2. und 3.1. seines Beitrags). Ich werde im 4. Abschnitt des vorliegenden Aufsatzes andeuten, unter welchen Bedingungen solche Abstraktionen sinnvoll oder aber ergänzungsbedürftig sind und in den Schlussbemerkungen (5.) wirtschaftspolitische und theoriestrategische Implikationen nennen. Zunächst (2. und 3.) werde ich indes die Probleme der Überdehnung der Katallaktik und deren Folgen insbesondere am Beispiel der Arbeitsbeziehungen illustrieren.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Macht in der Ökonomie
Martin Held, Gisela Kubon-Gilke, Richard Sturn (Hg.):
Macht in der Ökonomie
the author
Prof. Dr. Richard Sturn
Richard Sturn

geb. 1956, ist Joseph A. Schumpeter Professor an der Karl-Franzens-Universität Graz sowie Leiter des Graz Schumpeter Centres und des Instituts für Finanzwissenschaft und öffentliche Wirtschaft. Forschungsschwerpunkte: Institutionenökonomik, die Politische Ökonomie von Transformationsprozessen und die Geschichte der ökonomischen Analyse.

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