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Donnerstag, 19. Juli 2018
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Über den "Aktus der Urteilskraft" in der Politikberatung - und warum die Wissenschaft ihn befördern muss

17 Seiten · 3,27 EUR
(Oktober 2005)

 
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Aus der Einleitung:

Praktiker der Politikberatung - sowohl auf der Seite der Ratsuchenden wie gelegentlich auch auf der Seite der Ratgebenden - betonen immer wieder, dass für erfolgreiche wissenschaftliche Politikberatung hohe wissenschaftliche Qualität nicht notwendig sei, ja sogar hinderlich sein dürfte.

Die seinerzeitige schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis, selbst ausgebildete Volkswirtin, antwortete auf eine Interview-Frage der Financial Times Deutschland, warum nicht mehr Ökonomen in die Politik gehen (vgl. FTD 2003):

?Die Menschen wollen konkrete Ergebnisse, sie wollen keine theoretischen Abhandlungen hören. Sie wissen doch: ?Grau, lieber Freund, ist alle Theorie ?? ?.

Alfred Tacke, in jener Zeit als Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (BMWA), brachte eine weit verbreitete Unzufriedenheit mit wissenschaftlichen Expertisen der Wirtschaftsforschungsinstitute und anderer wirtschaftswissenschaftlicher Beratungsgremien wie des Wissenschaftlichen Beirats beim BMWA auf den Punkt. Bei der Jahrestagung der deutschsprachigen Volkswirte in Zürich im Jahr 2003 teilte er der irritierten Profession mit, was er von ihren theoriegeleiteten Abhandlungen mit sorgfältigem, aber langweiligem Abwägen zwischen dem Für und Wider einzelner Empfehlungen halte: gar nichts. Stattdessen bevorzuge er die auf einen klaren Punkt gebrachten Expertisen privater Beratungsfirmen wie Roland Berger oder McKinsey (vgl. SZ 2003). In ihrer offensichtlichen Aversion gegen theoretisch und empirisch fundierte wissenschaftliche Politikberatung werden Heide Simonis und Alfred Tacke scheinbar von großen Geistern der deutschen Geschichte unterstützt.

Goethe, der die Politik als Geheimrat und Minister selbst aktiv kannte und mitgestaltete, wird immer und immer wieder ? nicht nur von Heide Simonis ? mit dem aus seinem ?Faust I? stammenden Satz zitiert:

?Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum?.

Und er scheint von dem weltweit einflussreichen Philosophen Immanuel Kant unterstützt zu werden. Kant hat 1793 ein Traktat veröffentlicht, dessen Titel Alfred Tacke aus dem Herzen sprechen dürfte:

?Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht in der Praxis?.

Die wissenschaftsfeindliche deutsche Politik scheint also durch höchste Weihen legitimiert, wenn sie sich zunehmend auf praxisorientierten Rat von Beratern wie beispielsweise Roland Berger oder McKinsey verlässt und theoriegeleiteten, wissenschaftlichen Rat verschmäht. Bei gründlicher Lektüre des Kant?schen Traktats und einer kritischen Rezeption des Zitats von Goethe kommt man aber zu gänzlich anderen Schlussfolgerungen: Gute Theorie ist eine unerlässliche Vorbedingung für praxistaugliche Politikberatung; demgegenüber besteht bei Verzicht auf Theorie die Gefahr, dass kurzsichtiger Rat zum politischen Misserfolg führt. Freilich ist nicht jedes theoretische Ergebnis für die Politikberatung verwendbar. Zu erkennen, was verwendet werden kann und was nicht, gehört zur hohen Kunst der guten wissenschaftlichen Politikberatung.

Im folgenden Beitrag werden zuerst die Argumente für die Bedeutung von theoriegeleiteter Wissenschaftlichkeit einerseits und den darüber hinaus aber auch unverzichtbaren ?Aktus der Urteilskraft? andererseits entfaltet, bevor im zweiten Teil die Bedeutung verteilungspolitischer Probleme herausgearbeitet werden, die wissenschaftlicher Politikberatung enge Grenzen setzen. Im dritten Teil werden schließlich einige Möglichkeiten zur Verbesserung der volkswirtschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Politikberatung in Deutschland diskutiert.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Glanz und Elend der Politikberatung
Uwe Jens, Hajo Romahn (Hg.):
Glanz und Elend der Politikberatung
Der Autor
Prof. Dr. Gert G. Wagner
Gert G. Wagner

Lehrstuhlinhaber für Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin und Mitglied im Wissenschaftsrat; Vorsitzender des Rats für Sozial- und Wirtschaftsdaten und der Kammer für soziale Ordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

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