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Monday, September 16, 2019
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Von Unternehmern, Piraten und Anderen
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Von Unternehmern, Piraten und Anderen

Eine alternative Sicht auf die russische Transformation

25 Seiten · 3,94 EUR
(Februar 2007)

 
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Aus der Einleitung der Herausgeber:

Für die Bedeutung von (Privat-) Eigentum sieht Kathrin Pingel in Russland ein interessantes Beispiel, weil hier sehr frühzeitig und umfassend ordnungspolitische Aktionen zur Etablierung von Eigentumsrechten im Jahre 1991 gestartet wurden. Dieser Prozess der Privatisierung hat aber nur einen geringen Beitrag zur Härtung der Budgetrestriktion, zur Trennung von (Privat-) Wirtschaft und Staat und zur Umstrukturierung der Unternehmenslandschaft geleistet. Das Recht auf (Privat-) Eigentum an Grund und Boden ist zwar in der Verfassung niedergelegt, doch bis heute nicht durch ein entsprechendes ausführendes Gesetz kodifiziert worden. Konsequenz dieser makroökonomischen und legislativen Bedingungen ist die weite Verbreitung der Tauschwirtschaft auf hohem Niveau.

Eine Geldwirtschaft ist durch den folgenden Mechanismus gekennzeichnet: Geschäftsbanken verschulden sich bei der Zentralbank, um einem Unternehmen einen Kredit einzuräumen, welches mit dem erhaltenden Geld Sachvermögensgüter und Arbeitskräfte kauft, um damit zu produzieren. Letztere nutzen Geld zum Kauf von Konsumgütern bei den Unternehmern, und die Vermögenseigentümer halten statt Sachvermögen Geld, oder sie verleihen es an die Bank in Gestalt von Depositen oder finanzieren direkt die Unternehmen. Die Bereitschaft der Vermögenseigentümer, Geld und in Geldeinheiten denominierte Forderungen zu halten – die Währungs- und Liquiditätspräferenz – bildet die Budgetrestriktion einer Geldwirtschaft. Der Konkurs ist gegebenenfalls die einzelwirtschaftliche Konsequenz der makroökonomischen Budgetrestriktion und trifft nicht den Besitzer, also den Verfüger über Ressourcen, sondern den Eigentümer der Ressourcen.

Diesem ökonomischen System steht in Russland kein ausdifferenziertes Rechtssystem gegenüber, das die nötige Rechtssicherheit zur öffentlichen Regulation von privaten Verträgen liefert. Die russischen Banken und die geldwirtschaftlichen Unternehmen existieren in zwei parallelen Welten.

Für die Analyse der Kreditvergabe des russischen Finanzsektors erscheint der Rekurs auf belast- und verpfändbares Eigentum durchaus eine Möglichkeit, eine ausbleibende Kreditvergabe an Unternehmen „aller Art“ zu erklären. In vielen Fällen erweist sich dieses Eigentum unter den Transformationsbedingungen in Russland als „wertlos“.

Die Einführung von Steuern führt zwar zu Geldzahlungen, sie bedeutet aber noch nicht gleichzeitig die Durchsetzung einer Geldwirtschaft, da Geld in seiner Verwendung als Zahlungsmittel für fiskalische Zwecke noch keine kreditmäßige Gläubiger-Schuldner-Beziehung beinhaltet. In Russland gilt, dass sich die Unternehmen untereinander mehr und mehr einer harten Budgetrestriktion stellen, wohingegen sich Steuervergünstigungen und Steuerschulden zur Quelle der Aufweichung der Budgetrestriktion entwickelt haben.

Weil weder Staats- noch Geldwirtschaft gegenwärtig die Reproduktion der privaten Haushalte in Russland leisten können, hat sich zusätzlich eine ausgedehnte Familienwirtschaft etabliert. Oftmals sind sie als „Unternehmen“ registriert und zahlen Steuern und Abgaben in Geld. Die Bereiche Produktion und Finanzierung laufen dagegen außerhalb der Geldwirtschaft. Neben der Familienwirtschaft existieren sogenannte Piratenwirtschaften als diffuse, zwischen formaler und informeller Ökonomie oft wechselnde Produktionsweise. Die daran Beteiligten bringen „organisierte“ Ressourcen ein. Häufig wird aber auch Sachvermögen eingesetzt, über das einige „Piraten“ mittelbar Eigentumsrechte besitzen, nämlich Immobilien oder Ausrüstungsgegenstände von Unternehmen, in denen sie über die Voucher-Privatisierung Eigentümer geworden sind. Die relative Kurzfristigkeit dieser „Betriebe“ hat eine organisatorische Einfachheit und einen hohen Mobilitätsgrad der gesamten Einheit, inklusive Mensch und Maschine, und als Konsequenz eine eher geringe Sachkapitalintensität zur Folge. Die Piratenwirtschaft ist durch eine sehr hohe Mobilität und Informalität gekennzeichnet. Insgesamt bedeutet das: Die russische Wirtschaft wird gegenwärtig geprägt durch ein Nebeneinander von Geld-, Staats-, Familien- und Piratenwirtschaft. Angesichts der Tatsache, dass die russische Unternehmenslandschaft sehr heterogen ist, erscheint die dezidierte Vereinfachung der russischen Politik und ihre Beschwörung der Herausbildung neuer privater Unternehmen als Allheilmittel des Transformationsprozesses unseriös: Die „Prachtstücke“ geldwirtschaftlicher Unternehmen sind seltene Ausnahmen. Der Großteil der privaten Unternehmen bewegt sich auf mehr oder weniger eingefahrenen Gleisen. Nur wenigen gelingt tatsächlich ein „Durchstarten“, wobei eben dieses „Durchstarten“ durch die mangelnde Durchsetzung der Geldwirtschaft behindert wird.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Verpflichtungsökonomik
Hans-Joachim Stadermann, Otto Steiger (Hg.):
Verpflichtungsökonomik
the author
Kathrin Pingel

FU Berlin