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Monday, April 22, 2019
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Wettbewerb und Wettbewerbsbeschränkung in Politik und Wirtschaft

Deutschland in Mittelalter und Früher Neuzeit

"Institutionelle und Evolutorische Ökonomik"  · Band 19

Habilitationsschrift

406 Seiten ·  29,80 EUR (inklusive MwSt. und Versand)
ISBN 3-89518-394-6 (Oktober 2002 )

 
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Die in diesem Band abgedruckten Arbeiten behandeln bislang meist getrennt voneinander untersuchte Aspekte der mittelalterlich-frühneuzeitlichen Wirtschafts-, Gesellschafts- und Verfassungsgeschichte im Zusammenhang miteinander. Grundlage ist das institutionenökonomische Paradigma: die Annahme, dass langfristige Wandlungsprozesse durch Änderungen der Restriktionen erklärbar sind, denen menschliches Handeln unterliegt, und dass diese Änderungen wiederum intendierte oder nicht-beabsichtigte Folgen individueller Wahlhandlungen sind.

Drei der Arbeiten beschäftigen sich mit dem Verfassungswandel, der in der Zeit zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert erfolgte. Ausgangspunkt ist die These, daß über territoriale Gewaltmonopole verfügende Staaten anfänglich nicht existierten, so dass auch Sicherheit unter wettbewerblichen Bedingungen bereitgestellt wurde. Die Entstehung von Staaten wird vorliegend als Prozess der Beschränkung dieses Wettbewerbs interpretiert. Die folgenden Aufsätze beschäftigen sich mit der Frage, wie die Wirtschaftsordnung beschaffen war, die das Gegenstück dieser ursprünglich staatslosen Gesellschaftsordnung bildete, und wie marktwirtschaftliche Institutionen entstanden. In diesem Zusammenhang spielte der Systemwettbewerb, d.h. der Wettbewerb von Obrigkeiten um die Inhaber mobiler Produktionsfaktoren, eine entscheidende Rolle. Bei den beiden letzten Aufsätzen handelt es sich um quellengestützte Detailuntersuchungen wirtschaftspolitischer Probleme, die sich den politischen Akteuren des 15. und 16. Jahrhunderts stellten. Die zur Schaffung von Wettbewerbsbeschränkungen auf ökonomischen Märkten führende Kooperation zwischen Politik und Wirtschaft – rent seeking also – sowie die Verknüpfung geld- und machtpolitischer Ziele stehen hier im Mittelpunkt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.1.2003 ()

"Die Entstehung marktwirtschaftlicher Institutionen in Europa ist maßgeblich auf die politische Zersplitterung des Kontinents zurückzuführen - das ist die These, die Oliver Volckart, Privatdozent an der Humboldt-Universität Berlin, in seinen Forschungsarbeiten überprüft. In den Mittelpunkt ... stellt der Wirtschaftshistoriker die Betrachtung des Heiligen Römischen Reiches. Dessen notorische politische Zersplitterung spiegele die Zersplitterung Europas im Kleinen wider, meint er. Deshalb müßte der folgende Zusammenhang gelten: Wenn politische Zersplitterung tatsächlich die Bildung von Marktwirtschaften befördert, dann muß diese Wirkung im zersplitterten Heiligen Römischen Reich besonders deutlich erkennbar sein. Andererseits sind aber die institutionellen Grundlagen von Marktwirtschaften in den meisten Territorien des Heiligen Römischen Reiches erst seit dem späten 17. Jahrhundert entstanden, obwohl die politische Zersplitterung auf eine sehr viel frühere Zeit zurückgeht.

Diesen Widerspruch untersucht der Autor aus der marktprozeßtheoretischen Perspektive der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und unter Zuhilfenahme der Neuen Institutionenökonomik. Anhand von drei Wettbewerbsformen analysiert er die Entwicklung des Heiligen Römischen Reiches im der Zeit von 1000 bis 1800. Neben dem Wettbewerb auf Produkt- und Faktormärkten widmet Volckart sein Augenmerk dem politischen Wettbewerb sowie dem institutionellen oder Systemwettbewerb in dieser Zeit. ... Mit Hilfe dieses Theoriegerüsts gelingt es Oliver Volckart, anschaulich zu verdeutlichen, daß es in der Zeit zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert nicht möglich war, zwischen dem politischen Wettbewerb und dem Wettbewerb auf Produkt- und Faktormärkten zu unterscheiden. Grundsätzlich konnte jeder, der über genug Boden verfügte, um Teile davon Vasallen oder Bauern zu vergeben, als Anbieter militärischer und rechtlicher Sicherheit auftreten, um Arbeitsleistungen oder Naturalabgaben als Gegenleistung zu erhalten. ... Hierbei sei es von entscheidender Bedeutung gewesen, daß kein Oberhaupt einer Schutzorganisation kein Hausvater, kein Grundherr und auch kein Lehnsherr, selbst der Kaiser nicht - in seinem Wirkungsbereich ein Monopol für das Angebot militärischer und rechtlicher Sicherheit innehatte. Dadurch sei die hochmittelalterliche Gesellschaft sozial mobil und außerordentlich kompetitiv gewesen.

Der politische Wettbewerb habe angesichts der Arbeitskräfteknappheit zur Verbesserung der bäuerlichen Rechtslage geführt, die höhere Leistungsanreize und Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft bewirkt hätten. Zudem sei die Gründung von Marktplätzen und Städten direkter Ausdruck des politischen und institutionellen Wettbewerbs um mobile Ressourcen. Insgesamt sei es nicht übertrieben, dem politischen Wettbewerb für das Wirtschaftswachstum zwischen 1000 und 1400 die entscheidende Bedeutung zuzuweisen. ...

Doch die gesellschaftlichen Bedingungen änderten sich; die Bevölkerung wuchs rapide. Und so habe diese Praxis von 1400 an dazu geführt, daß die im Hochmittelalter entstehende Marktwirtschaft wieder abgewürgt wurde, schreibt Volckart. Aufgrund sinkender Organisationskosten seien im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit vielfältige und zum wirksamen kollektivem Handeln fähige Organisationen entstanden (wie innerstädtische Genossenschaften, Zünfte, Städtebünde, Vasallenorganisationen), die im Zuge der Praxis bilateraler Verträge eigenständige Gesetzgebungskompetenzen für ihre Organisationen erlangen konnten. Dadurch seien nahezu alle Bevölkerungsgruppen in der Lage gewesen, sich Privilegien und Sonderrechte zu sichern, die sie vor Wettbewerb schützten. Da keine Gesetze im Sinne altgemeingültiger und abstrakter Regeln existierten und da die politischen Autoritäten als Wirtschaftssubjekte stets selbst auf Produkt- und Faktormärkten aktiv waren, konnten diese vielfältigen 'directly unproductive profit-seeking activities' ... nicht unterbunden werden. 'Damit fehlten in der vormodernen Wirtschaftsordnung zentrale marktwirtschaftliche Funktionselemente, was erklärt, warum es unmöglich war, den hochmittelalterlichen Aufschwung fortzusetzen.'

Diese Lage änderte sich erst, als sich im 18. und 19. Jahrhundert eine Trennung von Staat und Gesellschaft herausbildete: eine Trennung des politischen und institutionellen Wettbewerbs auf der einen Seite, vom Wettbewerb auf Produkt- und Faktormärkten auf der anderen Seite (funktionale Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Handlungssysteme). ... Zudem mußte der Staat ein Interesse an der Beseitigung der standesspezifischen Privilegien und Sonderrechte entwickeln und in der Lage sein, allgemeine und abstrakte Regeln gegen den Widerstand organisierter Interessengruppen durchzusetzen. ...

Ist die Entstehung marktwirtschaftlicher Institutionen in Europa nun maßgeblich auf die politische Zersplitterung des Kontinents zurückzuführen? Nein, schließt Volckart, Zersplitterung allein konnte die Entstehung marktwirtschaftlicher Institutionen nicht befördern. Hinzu kommen mußte als notwendige Bedingung die Entstehung moderner Staaten, die sich sowohl eigener wirtschaftlicher Tätigkeiten auf Produkt- und Faktormärkten enthalten als auch 'alle Systeme der Begünstigung und Beschränkung' (Adam Smith) bekämpfen." ...


the author
PD Dr. Oliver Volckart
Oliver Volckart Research Fellow am Max Planck Institut zur Erforschung von Wirtschaftssystemen, Jena. [weitere Titel]
dem Verlag bekannte Rezensionen
  • "Die Entstehung marktwirtschaftlicher Institutionen in Europa ist maßgeblich auf die politische Zersplitterung des Kontinents zurückzuführen ..."
    Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.1.2003 mehr...
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