Während es eine lange ökonomische Forschungstradition darüber gibt, wie Wirtschaftswachstum zustande kommt, steht die Forschung darüber, warum Gesellschaften auf Wachstum angewiesen sind, und wie sie sich von Wachstum unabhängig machen können, noch am Anfang. Der Sammelband lässt einschlägige und vielseitige Stimmen dieses sich erst entwickelnden, interdisziplinären Forschungsfeldes zu Wort kommen. Dadurch vermittelt der Band einen umfassenden Überblick über ein theoretisches Neuland, in dem die großen und drängenden Fragen längst nicht entschieden sind. Es werden ökonomische Wachstumszwänge und verschiedene wachstumsabhängige Gesellschaftsbereiche identifiziert, Fortschrittsideen des Wachstums rekonstruiert und angesichts gegenwärtiger Wachstumsprobleme kontrovers diskutiert.
Der besseren Übersichtlichkeit halber gliedert sich das Buch in sechs Themenbereiche. Der erste Teil legt unter dem Stichwort der Wachstumskonstitution Wurzeln wachstumsorientierten Fortschrittsdenkens frei. Der zweite Teil verhandelt ökologische Wachstumsgrenzen vor dem Hintergrund der Kontroversen zwischen Grünem Wachstum und Postwachstum. Der dritte Teil verdeutlicht anhand des Wachstumsstrebens, wie nah Wachstumsverheißungen und -abhängigkeiten beieinanderliegen. Der vierte Teil behandelt die Wachstumsabhängigkeiten von Arbeitsmärkten, sozialstaatlichen Leistungen sowie der Fähigkeit zur Bildung sozialer Kompromisse. Der fünfte Teil widmet sich mit dem Begriff der Wachstumszwänge der Frage, inwieweit sich gegenwärtige Wirtschaftssysteme durch Wachstum stabilisieren müssen. Im sechsten Teil werden normative Leitplanken zugunsten einer Wachstumstransformation diskutiert, die die zeitgenössischen Probleme des Wachstums adressiert und zugleich dessen Abhängigkeits- und Zwangscharakter berücksichtigt.
"Gut ein halbes Jahrhundert ists her, seit die vorab westliche Wohlstandswelt durch eine Studie über «Die Grenzen des Wachstums» erstmals ernstlich auf die Endlichkeit einiger Quellen des sich global ausweitenden Reichtums hingewiesen wurde. Die schon damals mit Nahostkonflikten verknüpfte Ölpreiskrise beförderte teils grundsätzliche Debatten. Doch diese verebbten, als der Rohstoff des ‹Golden Age› - so ein Historiker zum Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg - wieder wie gewohnt floss.
Noch «theoretisches Neuland»Weitere kurzzeitige Konjunkturen der Wachstumskritik folgten. Trotzdem wird diese im Metropolis-Reader über «Wirtschaftswachstum zwischen Fortschritt, Abhängigkeit und Zwang» mit Blick auf die Wissenschaft als «theoretisches Neuland» bezeichnet. Viele der grossen und drängenden Fragen seien da noch längst nicht entschieden. Herausgeber Tobias Vogel gibt Wirtschaftsethik als Schwerpunkt seiner akademischen Tätigkeit an. Das ist positiv spürbar. So endet der Band mit einem Beitrag von Peter Ulrich, der in St. Gallen von 1987 bis 2009 den im deutschen Sprachraum ersten Lehrstuhl mit dieser ungewohnten Akzentsetzung innehatte. Etwas müsse «mit dem modernen Projekt der freiheitlichen Gesellschaft und Marktwirtschaft» wohl schief gelaufen sein, schreibt der längst emeritierte, nach wie vor engagierte Streiter für eine andere Ordnung. Nur eine kleine Schicht habe vom mit Anführungszeichen versehenen ökonomischen «Fortschritt» profitiert, die Umwelt- und Klimakrise habe das um die Jahrtausendwende aufkommende «Unbehagen am globalen Kapitalismus» noch verstärkt. Ob dieser sich im Zuge einer sozialökologischen Transformation «zivilisieren» liesse? Nur wenn auch die Denkzwänge überwunden werden, die sich hinter den vordergründigen Sachzwängen verbergen.
Darum bemüht sich die Mehrheit der Autoren. Ja, in männlicher Form! In der Einleitung wird zwar betont, dass es auch wegweisende Beiträge von Wissenschaftlerinnen gab und gebe, doch leider sei es nicht vollumfänglich gelungen, das im Buch «adäquat abzubilden». Empfohlen wird, «bei Interesse einen gezielten Blick in die Bibliografien der Beiträge zu werfen. Wirklich lässt sich so etwa bei einem geschraubten Text zur «Vorsorgeorientierten Postwachstumsposition» ein winziger Hinweis auf die einst von Maria Mies mit Kolleginnen entwickelte feministische «Subsistenzperspektive» finden, deren Vorausdenken wird damit nicht gewürdigt. Weil sie den Kriterien etablierter Wirtschaftswissenschaft nicht entsprach? Oder weil es inzwischen ohne Wachstum wirklich nicht mehr geht?
Gehts wirklich nicht ohne?Vor allem der Beitrag von Mathias Binswanger lässt mich diese Frage stellen. Sie hat ihn früh und immer wieder beschäftigt. Wie schon seinen Vater, Hans Christoph, ebenfalls Ökonom. Er hatte die Idee einer ökologischen Steuerreform entwickelt, war laut Wikipedia ein «profilierter nicht-marxistischer Geld- und Wachstumskritiker». Als solcher suchte er gangbare Wege aus der «Wohlstandsfalle» sowie Strategien gegen Arbeitslosigkeit und Umweltkrise. Dabei blieb die Systemfrage offen. Das ist beim Sohn ähnlich. Titelfrage seines Textes: «Wie erklärt sich der Wachstumszwang in kapitalistischen Wirtschaften?» In der Antwort stecken vielerlei Zweifel. Wachstumskritik setze «stillschweigend voraus, dass Wirtschaftswachstum für heutige Wirtschaften eine Option, aber keine Notwendigkeit» sei, die Abkehr also nur eine Frage des politischen Willens und der richtigen Anreize. Doch für heutiges Wirtschaften, die meisten Unternehmen, sei Wachstum auf makroökonomischer Ebene essenziell. Sonst drohe eine Abstiegsspirale. «Es gibt also nur die Alternative zu wachsen oder zu schrumpfen!» Das sähen notabene auch marxistisch orientierte Ökonomen so. Von wo sollte sonst mehr Wohlstand für alle kommen?
Aber haben Menschen nicht irgendwann genug? Es kann ja nicht ewig im gleichen Stil weitergehen, zitiert er einen fachkundigen Nobelpreisträger, um fortzufahren: «Wenn wir trotzdem ein permanentes Wachstum haben, dann kann dies letztlich nur daran liegen, dass die Menschen das so wollen.» Dem setzten zwar ökologisch Orientierte jeweils eine Idealwelt «mit wirklichkeitsfremden Annahmen» gegenüber, doch letztlich seien wir alle «Gefangene eines Systems» und längst «von Treibern des Wachstums zu Getriebenen» geworden. Durch die Digitalisierung hat sich die Arbeitsproduktivität nochmals gewaltig erhöht. In reichen Ländern wie der Schweiz werde denn Wachstum inzwischen auch immer weniger als Verbesserung gesehen, sondern als Notwendigkeit, um gegenüber anderen nicht zurückzufallen. Final zitiert der Autor dazu eine Regierungserklärung von Angela Merkel, die 2009 feststellte, wir müssten wachsen, um Arbeitsplätze und unsere Sozialsysteme zu erhalten. Das kommt einem aus dem jüngsten Abstimmungskampf vertraut vor.
Über andere LebensweisenAus der politischen Debatte werden zwar durchaus wachstumskritische Stimmen, auch alternative Visionen skizziert. Neben dem Staat und der Wirtschaft gebe es die kulturelle Ebene, wo andere Wertvorstellungen und Ideen des guten Lebens sowie entsprechende Lebensstile vorangebracht werden könnten. Amery, Bahro als frühe Mahner, Brand und Wissen als aktuelle Kritiker unserer «imperialen Lebensweise» werden angeführt. Einmal mehr wird an Harald Welzers wichtigen Essay über «mentale Infrastrukturen» erinnert. Mit der im Buch wiederholt anklingenden Hoffnung, dass es zwischen grünem Wachstum und dem auch Degrowth genannten Postwachstum ökonomisch wie ökologisch Vertretbares gäbe, wird eine zentrale Zukunftsaufgabe skizziert. Die habe sich aber «noch kaum als eigenständiges akademisches Forschungsfeld etabliert». Es gehe im Buch darum, erste Ansätze sichtbar zu machen. Wie dringlich das Erarbeiten entsprechender Konzepte ist, zeige sich aktuell überall. Selbst in reichen Volkswirtschaften sinken Wachstumsraten, wird über Stagnation geklagt, stellt sich also die Frage, «wie wir damit zurechtkommen, wenn es nicht mehr weitergeht wie bisher.»
Die Naturen des Wachstums
Zeitenwende in der Ökonomie: Geschichte, Zeit und Wachstum neu denken
Wachstumsökonomie als säkularisierte Heilserwartung: Adam Smiths Politische Ökonomie
Warum es eine Klimaethik 2.0 braucht
Das politische Denken der ökologischen Wachstumskritik
Klimaschutz mittels Degrowth?
Wirtschaftswachstum zwischen ökonomischer Notwendigkeit und ökologischen Grenzen
Die Vorsorgeorientierte Postwachstumsposition
Wohlstand als Verständnis des guten Lebens – ein Treibstoff für heutige Wachstumsökonomien
Sturm und Zwang: Psycho-kulturelle Wachstumsabhängigkeiten am Beispiel der Selbstverwirklichung
Die Wachstumsabhängigkeit von Arbeitsmärkten und Strategien zu deren Überwindung
Die Wachstumsabhängigkeit des österreichischen Wohlfahrtsstaates
Wachstumsabhängigkeiten bewältigen – der Fall der Altenpflege
Wachstumsabhängigkeit als eine Frage der Machtverhältnisse: Ein realistischer Ansatz in Anwendung auf Japan
Wie erklärt sich der Wachstumszwang in kapitalistischen Wirtschaften?
Wachstumszwänge als Konflikt zwischen Effizienz und Gerechtigkeit
Wachstum als ökonomischer Sachzwang
What if: Stakeholder-Kapitalismus, Finanzmärkte und Wachstum
Sozioökonomischer Fortschritt in der Bürgergesellschaft