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Wednesday, April 24, 2019
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Zufall, Schicksal, Irrtum

Über Unsicherheit und Risiko in der deutschen ökonomischen Theorie vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert

"Geschichte der deutschsprachigen Ökonomie"  · Band 1

2. Auflage Februar 1999 · 176 Seiten ·  24,80 EUR (inklusive MwSt. und Versand)
ISBN 3-926570-77-6 (Mai 1993 )

 
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Dieses Buch gibt Einblick in die Behandlung der Unsicherheits- und Risikoproblematik in der Geschichte der deutschen ökonomischen Theorie und der daraus abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen. Es entsteht damit zugleich eine Chronik der Ansichten über die Rolle des Staates.

Für Justi besteht die Aufgabe des klugen Herrschers darin, die Staatsvernunft gegen die Begrenztheit der bürgerlichen Subjekte durchzusetzen, die in ihren privaten Interessen die "Staatsglückseligkeit" verfehlen, weil sie des allgemeinen Überblicks entbehren. Hegel misstraut dem Wirken des Marktes und will dieses "System der Zufälligkeiten" in eine "sittliche und stabile Ordnung" umwandeln. Die Historische Schule verlangt von dem paternalistisch aufgefaßten Staat effizienzfördernde Eingriffe in den grundsätzlich akzeptierten Marktmechanismus. Menger zeigt, daß die private Wirtschaft über genügend Vernunft und Voraussicht verfügt, um sich selbst gegen wirtschaftliche Risiken zu versichern. So wird die dem Staat zuerkannte Rolle immer kleiner. Max Weber geht noch einen Schritt weiter: die Unsicherheit im Wirtschaften werde durch stabile Erwartungen der einzelnen über das Verhalten anderer reduziert. Die "Zweckrationalität" behebe die Gefahr grober Irrtümer. Bei Keynes wird dann Unsicherheit konstitutiv für ein Handeln gegenüber der Zukunft.

Unsicherheit durch Telosschwund - Sicherheit durch Risikoorganisation - Exkurs zur Vorgeschichte der neuzeitlichen Risikotopik - Der Übergang: Adam Smith - I. Die Assekuranz des Staates: Versicherung gegen die Kontingenz der Leidenschaften: Ordnung / Unordnung. J.H.G. von Justi: "sicher gehen" - Zufall. Kritik des "Systems der Zufälligkeit" bei G.F.W. Hegel - Hegel und Kant - Schicksal und "sociale Versicherung": Schmoller, Schaeffle, Brentano - Nationalökonomische Vertiefung der Rechtsphilosophie": Adolph Wagners Theorie des Staatszwangs als "socialoeconomisches" Versicherungsorgan - "Spielcharakter der Volkswirtschaft". Wagners Theorie der "Conjunctur" - Störung und Krise: Analytische Versicherung der Krisenfaktoren bei Wilhelm Roscher II. Zeit, Irrtum, Erwartung: Die Einführung des Risikos in die Sozialwissenschaft im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert: Zeit, Irrthum, Cultur: C. Menger 1871 - Böhm-Bawerk: Absichtliche Setzung der Ursachen - Eindeutige, geschaffene Erwartungen: Max Weber - Momente der Unsicherheit: Carl Menger 1923 III. Unsicherheit und ökonomische Erwartungsbeeinflussung: Vor Keynes - J.M. Keynes: uncertainty, gambling, and money - Der Übergang in die Moderne. Projektion der Möglichkeit.

Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 2/1994, S. 277-278 ()

"... Eine knappe Besprechung wie diese muß sich damit begnügen, unter Verzicht auf die Einzelheiten die Grundlinie der Darstellung herauszuarbeiten. Bei diesem Buche heißt das freilich, einen seiner Vorzüge hintanzustellen, nämlich seine differenzierte Argumentationsweise und das Eingehen auch auf ergänzende und erweiternde Aspekte, die sich u.a. in einigen Appendizes finden. Die Grundlinie ist, der Diskussion in der Ökonomie folgend, doppelt angelegt: theoretische Beschäftigung mit Unsicherheit und Risiko und die daraus gezogenen wirtschaftspolitischen Konsequenzen. Folgt man ihr, treten im Zeitablauf wechselnde Orientierungen des Denkens über das Thema hervor. Das 18. Jh. konnte sich Abweichungen von der staatlich gesetzten und garantierten Ordnung der Wirtschaft nur zufallsbedingt vorstellen, und entsprechend war es Aufgabe des Staates, hier korrigierend einzugreifen. Diese 'Assekuranz des Staates' blieb in Deutschland auch dann Leitlinie, als sich mit der Ausbreitung der Marktwirtschaft in Verbindung mit der Industrialisierung das Risiko des wirtschaftlichen Handelns stark erhöhte. Denn deren Analyse durch Adam Smith setzten Hegel und später die historische Schule die Aufforderung an den Staat entgegen, in den als schicksalsbestimmt gesehenen Fällen, in denen der Markt nicht Einkommen und Beschäftigung gab, regulierend einzugreifen. Adolph Wagner dachte dies konsequent zu Ende, indem er dem Staat die Aufgabe zuwies, durch Umverteilung für die Individuen gleiche Startbedingungen am Markt und damit gleiche Chancen für auch sozial befriedigende Ergebnisse der Marktabläufe zu schaffen.

Carl Menger und Max Weber schlugen einen neuen Ton der Diskussion an, indem sie nicht mehr auf den Staat, sondern auf den Markt oder besser auf das an diesem wirkende zweckrationale (Webers Begriff) Handeln der Beteiligten setzten, das, wenn es allgemein geworden sei, Unsicherheit und Risiko deutlich vermindere, zumal wenn es im Rahmen einer staatlich gesetzten und überwachten Ordnung wirke. Diese hohen Erwartungen an die Rationalität erfüllte die wirtschaftliche und politische Entwicklung nach 1914 nicht, und so wandelte sich seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren der Blickwinkel der Ökonomen abermals: John Maynard Keynes (mit dem das Thema endgültig in den angelsächsischen Raum wechselte) sah das Mittel zur Minderung der Unsicherheit darin, die Risikofreude der Unternehmer zu erhöhen (im wesentlichen eine Aufgabe des Staates), doch im übrigen das Risiko ihres Handelns als innovative Kraft einzusetzen. In einem knappen, ein wenig resigniert gehaltenen Ausblick weist P. aber auch auf die Probleme hin, die aus der sog. keynesianischen Wirtschaftspolitik bis zur Gegenwart folgten.

Der Band löst überzeugend seinen Anspruch ein, den Beitrag des deutschen Denkens zu einem der zentralen ökonomischen Phänomene im internationalen Zusammenhang herauszuarbeiten. Sicher lassen sich zu seiner Argumentation auch alternative Überlegungen entwickeln, doch solches gehört zum Wesen wissenschaftlichen Räsonierens und spricht nicht gegen ihn. Eher gilt das für seine streckenweise recht artifiziellen Formulierungen, die das Verstehen meiner Ansicht nach unnötig erschweren können. Und das wäre schade, denn alles in allem liegt hier ein gelungener Auftakt einer vielversprechenden Schriftenreihe vor.




the author
Prof. Dr. Birger P. Priddat
Birger P. Priddat geb. 1950, arbeitet an Themen zwischen Philosophie und Wirtschaft, vor allem auch an der Theoriegeschichte der Ökonomie. Er ist Professor für Wirtschaft und Philosophie an der Universität Witten/Herdecke. [weitere Titel]
dem Verlag bekannte Rezensionen
  • "Der Band löst überzeugend seinen Anspruch ein, den Beitrag des deutschen Denkens zu einem der zentralen ökonomischen Phänomene im internationalen Zusammenhang herauszuarbeiten." ...
    Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 2/1994, S. 277-278 mehr...
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.1993
  • WDR 3, Hörfunk, 27.1.1994, 22.30-23.00
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