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Monday, July 22, 2019
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Zwischen Kasernenhof und Rätesystem
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Zwischen Kasernenhof und Rätesystem

115 Seiten · 12,31 EUR
(August 2007)

 
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Aus der Einleitung:

„Wir können nur prosperieren bei militärischer Ordnung und steter Kontrolle, die durch Bestimmungen für alle Zeiten eingeführt werden muß.“ So belehrte Alfred Krupp seine Prokuristen im März 1883. 35 Jahre später, während der Novemberrevolution, hieß es: „Alle Macht den Räten!“; und genauer (in einer vorläufigen Dienstanweisung des Bezirksarbeiterrats beim Oberbergamt Halle vom Februar 1919): „Der Betriebsrat kontrolliert die Werksleitung und die Belegschaft“. 50 Jahre später ist die gängige Rede von „Sozialpartnerschaft“; industrielle Mitbestimmung scheint eingespielt, normal und weithin selbstverständlich und grundsätzlich akzeptiert, jedenfalls bisher; selbst Arbeitgeber sind zu ihren Fürsprechern geworden und rufen angesichts der Globalisierungstendenzen nach einer „neuen Kultur der Zusammenarbeit“ mit den Arbeitnehmern, haben viele von ihnen doch die Mitbestimmungsregelungen der Bundesrepublik auch für sich als vorteilhaft erfahren und erkannt, daß sich eine zukunftsorientierte Unternehmenskultur nur gemeinsam mit den Beschäftigten gestalten läßt.

Diese Zitate markieren drei Stationen der bewegten Geschichte industrieller Mitbestimmung in Deutschland, oder genauer: des Denkens und der öffentlichen Debatte über sie sowie der Praxis industrieller Beziehungen in einem Zeitraum von rund 100 Jahren. Der vorliegende Beitrag befaßt sich mit dieser Geschichte in der ersten Hälfte dieser Zeitspanne, also im wesentlichen in den Jahrzehnten zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Ende der Weimarer Republik 1933. Man kann sie ganz unterschiedlich angehen. Behandelt man sie unter juristischem Aspekt, also als Geschichte gesetzlicher Regelungen zur Beteiligung von Arbeitnehmern an wirtschaftlichen Entscheidungen auf einzelbetrieblicher und/oder auf überbetrieblicher Ebene, dann ist sie schnell erzählt, denn in dieser Hinsicht ist sie ziemlich ereignislos, wenigstens bis 1918. Behandelt man sie als Geschichte einer öffentlichen Debatte über eine solche Beteiligung und ihre möglichen Formen, ist sie schon ergiebiger; denn diese Debatte reicht weit ins 19. Jahrhundert zurück. Man kann – drittens – deutlich zu machen versuchen, daß und wie die Geschichte industrieller Mitbestimmung mit der allgemeinen politischen und Sozialgeschichte zusammenhängt, und sie als Teil eines umfassenden Kampfes um Demokratisierung von Herrschaftsverhältnissen behandeln, der in den alten Industrieländern nicht nur die politische Sphäre im engeren Sinne betrifft, sondern seit dem 19. Jahrhundert Schritt für Schritt auch fast alle gesellschaftlichen Bereiche erfaßt hat. Man kann die Geschichte der industriellen Mitbestimmung schließlich auch als Geschichte eines gesellschaftlichen und politischen Lernprozesses schreiben, mag er auch schwierig und langsam verlaufen sein; hat sich doch, wie die eingangs angeführten Zitate zeigen, das Denken über industrielle Mitbestimmung und deren Realität in Deutschland im Laufe eines Jahrhunderts stark verändert. Dieser Beitrag beschränkt sich im wesentlichen auf die ersten beiden Aspekte, versucht allerdings, die anderen beiden wenigstens soweit anzudeuten, daß der Kontext erkennbar wird, in welchem gesetzliche Mitbestimmungsregelungen in Deutschland entstanden oder – vor 1918 – weithin chancenlos waren.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Perspektiven der Mitbestimmung
Hans G. Nutzinger (Hg.):
Perspektiven der Mitbestimmung
the author
Prof. Dr. Hans-Joachim Bieber

em. Prof. für Jüngere Geschichte an der Universität Kassel, Akad. Direktor am Wiss. Zentrum für Kulturforschung der Universität Kassel.

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