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Monday, July 22, 2019
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Die Offene Verfassung und ihre Feinde: Wettbewerb, Rentensuche und die Entstehung des modernen Staates
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Die Offene Verfassung und ihre Feinde: Wettbewerb, Rentensuche und die Entstehung des modernen Staates

29 Seiten · 4,42 EUR
(Februar 2007)

 
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Aus dem Schluss:

Dem hier vorgestellten Modell der Staatsbildung liegen die Annahmen zugrunde, daß militärische Sicherheit im hochmittelalterlichen Lehnswesen ein nicht-öffentliches Gut war, hinsichtlich dessen Bereitstellung Vertragsfreiheit herrschte, und daß ein Markt für Schutz existierte, auf dem unter Anbietern und Nachfragern intensiver Wettbewerb herrschte. Die Entstehung von Staaten wird als Monopolisierungsprozeß interpretiert. Dieser erfolgte im Zuge der Schaffung diskriminierender Institutionen, die es ermöglichten, potentielle Anbieter vom Markt für militärische Sicherheit auszuschließen.

Voraussetzung für die Schaffung derartiger Marktzutrittsschranken war einerseits die Zunahme der Besiedlungsdichte, andererseits die Senkung der Transaktionskosten. Aufgrund des Bevölkerungswachstums stiegen die Abwanderungskosten der Nachfrager des lehnsherrlichen Sicherheitsangebots. Dies erlaubte es den Herren, die mit den Nutzern ihres Angebots geschlossenen Verträge ex post zu ihren Gunsten zu ändern. Die Nutzer reagierten auf derartige Versuche, indem sie miteinander kooperierten und Organisationen bildeten. Auf diese Weise entstanden im Laufe des Hochmittelalters ständische Obrigkeiten, die zwar eine Regelsetzungskompetenz beanspruchten, die die von ihnen mit dem Ziel der Aneignung von Monopolrenten geschaffenen Institutionen jedoch nur partiell durchsetzen konnten. Zur Entstehung von Regelsetzungs- und Gewaltmonopolen führte das Bevölkerungswachstum nicht.

Eine weitergehende Durchsetzung der von den ständischen Obrigkeiten geschaffenen diskriminierenden Institutionen wurde durch die Senkung der Transaktionskosten ermöglicht. Aufgrund sinkender Informationskosten konnte militärische Sicherheit als öffentliches Gut bereitgestellt werden; die dabei entstehenden externen Effekte führten zu einem verstärkten Interesse der Anbieter daran, auch die Untertanen ihrer Vertragspartner an den Lasten zu beteiligen. Sinkende Aushandlungskosten ermöglichten vielfältige Transaktionen zwischen Obrigkeiten auf unterschiedlichen Ebenen; Vasallen z.B. konnten ihre Kompetenz zum Angebot öffentlicher Güter gegen Privilegien und Sonderrechte tauschen, die ihre Chancen auf Produktmärkten verbesserten. Damit entstanden Instanzen, die über ein Gewaltmonopol sowie eine letztgültige Regelsetzungskompetenz verfügten, d.h. Staaten im modernen Sinne des Wortes.

Das hier vorgestellte Modell ermöglicht es zu erklären, weshalb im mittelalterlich-frühneuzeitlichen Deutschland statt eines Zentralstaats eine Vielzahl kleinerer Staaten entstand. Ein das gesamte spätere Deutschland umfassender Lehnsnexus kam durchaus zustande. Dafür waren neben dynastischen Zufällen und der gemeinsamen Bedrohung durch Normannen und vor allem Ungarn offenbar auch die von den Zeitgenossen durchaus erkannte Ähnlichkeit der von den deutschen Stämmen gesprochenen Dialekte verantwortlich. Sprachliche Gemeinsamkeit senkt natürlich die bei der Aushandlung von Verträgen entstehenden Kosten. Jedoch führten die mit dem Bevölkerungswachstum steigenden Kosten, die bei der Wahl zwischen verschiedenen Anbietern der Organisation von Schutz entstanden, höchstens auf lokaler oder regionaler Ebene zur Entstehung von Regelsetzungskompetenzen. Die Durchsetzung neugeschaffener Institutionen auf überregionaler Ebene wurde durch Transaktionskosten in prohibitiver Höhe verhindert. Bis die Entwicklung der Infrastruktur und die Ausweitung des Schriftgebrauchs eine Senkung diese Kosten mit sich brachten, hatten die partikularen Obrigkeiten ihre Rechtssetzungskompetenzen bereits ausgebildet und begonnen, die Bereitstellung militärischer Sicherheit als öffentliches Gut in ihren Territorien zu monopolisieren. Die politische Zersplitterung Deutschlands erscheint somit als Folge einer Transaktionskostensenkung, die erst eintrat, als die Besiedlungsdichte die Entstehung regionaler Regelsetzungskompetenzen bereits ermöglicht hatte.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Der freundliche Staat
Siegfried Frick, Reinhard Penz, Jens Weiß (Hg.):
Der freundliche Staat
the author
PD Dr. Oliver Volckart
Oliver Volckart

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