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Friday, September 20, 2019
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Perspektiven des Wandels und Perspektiven Evolutorischer Ökonomik: einige einleitende Überlegungen
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Perspektiven des Wandels und Perspektiven Evolutorischer Ökonomik: einige einleitende Überlegungen

20 Seiten · 2,84 EUR
(Februar 2007)

 
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Aus der Einleitung:

Die Evolutorische Ökonomik ist mittlerweile kein neuer Zweig der Wirtschaftstheorie mehr. Im Jahr 1999 feierte der Ausschuss Evolutorische Ökonomik im Verein für Socialpolitik sein zehnjähriges Bestehen. Grundlegende Publikationen wie Richard Nelsons und Sidney Winters "An Evolutionary Theory of Economic Change" (1982) und Giovanni Dosis Aufsatz über "Technological Paradigms and Technological Trajectories" (ebenfalls 1982) sind vor nun mehr bald zwei Jahrzehnten erschienen. Die Wurzeln evolutorischer Ansätze und Konzepte in der Ökonomik reichen noch viel weiter zurück, sie finden sich bereits in den Werken von Autoren wie Thorstein Veblen, Joseph Schumpeter und Friedrich von Hayek. Und dennoch ist die Evolutorische Ökonomik bis heute ein durch Heterogenität gekennzeichnetes und vielfach amorphes Feld geblieben. Eine allgemein anerkannte Definition dessen, was die Essenz einer Evolutorischen Ökonomik ausmachen würde, sucht der interessierte Leser nach wie vor vergebens – sie wird auch in den Beiträgen des vorliegenden Bandes nicht gegeben. In den hier versammelten Beiträgen, die auf den Vorträgen des Doktoranden- und Habilitanden-Workshops BUCHENBACH IV im Mai 1999 basieren, findet sich jedoch in exemplarischer Weise eine Reihe von Charakteristika der Evolutorischen Ökonomik wieder, so dass an dieser Stelle einige allgemeine Beobachtungen zum evolutorischen Ansatz angebracht erscheinen.

Klar ist, dass die Evolutorische Ökonomik einen eigenständigen Teilbereich der Wirtschaftstheorie darstellt. Das zeigt sich bereits in der Existenz spezieller Forschungseinrichtungen, Konferenzen, Vereinigungen und Zeitschriften, und zwar gleichermaßen im deutschen Sprachraum wie auf der internationalen Ebene. Aber was macht diese Evolutorische Ökonomik aus? Wodurch unterscheidet sie sich von anderen wirtschaftswissenschaftlichen Ansätzen? Zur Beantwortung dieser Fragen lassen sich einige Themen und Interessenschwerpunkte identifizieren, die Grundkonstanten der evolutionsökonomischen Literatur darstellen und die, in durchaus unterschiedlicher Kombination und mit unterschiedlicher Betonung der einzelnen Punkte, auch die Beiträge dieses Bandes prägen. Man kommt wohl nicht darum herum, diese Themen und Interessen negativ zu fassen, nämlich in Abgrenzung von der gängigen Praxis ökonomischer Forschung.

Ein erstes Leitmotiv der evolutorischen Wirtschaftstheorie ist die Betonung von Wandel und von Neuheit in der Ökonomie. Damit ist bereits die Abgrenzung vom in der Ökonomik vorherrschenden Optimierungskalkül vorgegeben, das ein Verfahren zur optimalen Anpassung an gegebene Umweltbedingungen darstellt und daher wenig geeignet ist, die Entstehung von Neuheit und den Umgang mit ihr abzubilden. Darüber hinaus ergeben sich aus der Berücksichtigung von Neuheit „natürliche“ inhaltliche Felder für evolutorische Forschung, etwa die Beschäftigung mit technologischen Innovationen und mit institutionellem Wandel. Es ist daher kein Zufall, dass sich gerade der Bereich technologischer Innovationen in den letzten Jahrzehnten zu einer Hochburg der Evolutorischen Ökonomik entwickelt hat.

Zweitens, und im engen Zusammenhang mit dem vorgenannten Punkt, reibt sich die evolutionsökonomische Forschung an den Gleichgewichtskonzepten der Standardökonomik und setzt ihnen eine prozessorientierte Perspektive entgegen. Der Schwerpunkt des Interesses verlagert sich vom Endzustand einer Entwicklung hin zum Prozess, durch den er zustande kommt. Einer funktionalistischen Deutung eines Phänomens wird eine kausale Erklärung anhand seiner Anfangs- und Randbedingungen sowie der Motive und Handlungen der beteiligten Akteure gegenübergestellt. Ein dritter Schwerpunkt Evolutorischer Ökonomik ist das Ansinnen, dem Rationalitätspostulat des homo oeconomicus ein verhaltenswissenschaftlich fundiertes Akteursmodell gegenüberzustellen. Neben der Integration von Erkenntnissen aus der Psychologie werden dabei auch traditionell ausgeblendete Fragen wie die nach dem Wandel von Präferenzen und den Auswirkungen kultureller, institutioneller und genetisch vererbter Einflüsse auf das menschliche Verhalten aufgegriffen. Es wird nach den Prozessen gefragt, in denen Wissen und Einstellungen individuell entstehen und unter den Akteuren weitergegeben werden. Durch die Berücksichtigung echter Unsicherheit, die über ein probabilistisch beschreibbares Risiko hinausgeht, besteht eine Affinität zum Subjektivismus der österreichischen Schule. In diesem Zusammenhang sind auch die Überlegungen im letzten Abschnitt des vorliegenden Bandes mit ihren Versuchen, abstrakte Kategorien evolutorischer Verhaltensmodelle wie Routinen, Lernprozesse, und kulturelle Normenweitergabe mit konkretem Inhalt zu füllen, als Schritte zu einem gehaltvolleren Verhaltensmodell anzusehen, dessen Integration indes noch aussteht.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Perspektiven des Wandels
Marco Lehmann-Waffenschmidt (Hg.):
Perspektiven des Wandels
the author
Guido Bünstorf

Max-Planck-Institut zur Erforschung von Wirtschaftssystemen, Abteilung Evolutionsökonomik, 07745 Jena